Das Märchen von der bösen Schwägerin Kolumne Birgit Schmidt Harder Die Pinnebergerin Journalistin
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Das Märchen von der bösen…

Sind Sie auch gerade in Märchenstimmung? Also, ich ja fast immer und noch mehr zu Weihnachten. Manche Märchen mag ich mehr als andere. Schneewittchen zum Beispiel. Oder Aschenputtel. Oder Frau Holle. Ich mag sie, weil sie alle eine Figur gemeinsam haben: die böse Stiefmutter. 

Die böse Stiefmutter ist ein Relikt aus alten Zeiten. Noch vor wenigen Jahrzehnten starben die Frauen unter der Geburt wie die Fliegen. Weil jemand die Kinder groß machen musste, holte sich der Wittwer schnell eine neue Frau ins Haus. Die aber war sich aus der Not heraus oft selbst und nur der eigenen Brut am nächsten.

Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Mehr als genug zu essen, Kaiserschnitt und der Verhütung sei dank.

Dafür tritt jetzt eine andere Bösewichtin auf den Plan. Sie wissen, wen ich meine. Schauen Sie sich mal in Ihrer Familie um. Fast jede hat eine. Eine, die jeden Geburtstag, jedes Weihnachtsfest und jede Konfirmation im Vorweg zum Vorort der Hölle werden lässt. Es ist ist, es ist…?

Nein. Nicht das, was Sie denken.

Es ist die böse Schwägerin.

Die böse Schwägerin ist der Familienalbtraum der modernen Zeit. Die böse Schwägerin kann alles besser (immer), weiß alles besser (natürlich), ihre Kinder sind besser (im Sport, in der Schule und optisch sowieso) und besser mit Mutter und Schwiegermutter kommt sie auch noch aus. Kurzum: Sie ist Pest, Cholera und Schweinegrippe in Personalunion.

Beispiel gefällig? Eine Freundin erzählte neulich, ihre Schwägerin backe Nusskuchen. Bei jedem Fest. Obwohl sie genau weiß, dass der Sohn der Freundin eine Nussallergie hat. „Muss er ja nicht essen, oder?“, schnappt sie dann.

Eine andere erzählte, ihre Kinder hätten jahrelang ausgedientes Spielzeug zum Geburtstag geschenkt bekommen. Beschädigt und kaputt, dafür aber hübsch in Cellophanpapier verpackt.

Die Nächste erinnert sich noch gut an den ersten Satz, den die neue Schwägerin ihr bei der ersten Begegnung entgegen lächelte: „Also, bislang habe ich mich ja mit allen Ex-Freundinnen meines Bruder gut verstanden.“ Ah, ja.

Die Vierte sagt, ihre Schwägerin teile Spitzen aus wie andere warme Semmeln: „Ach, du hast gar nicht selbst gekocht? Wie schade. Fensterputzern könntest du auch mal wieder. Man kaum ja kaum was erkennen draußen. Wie toll, du machst mir nach und nähst jetzt auch?“

Die Fünfte hörte sich als frisch gebackene Mutter mit Säugling an: „Jetzt, wo du so viel Zeit hat, bring mir doch bitte 1, 2, 3…  von xy mit. Meine Kinder brauchen neue Sachen.“

Die Sechste sagte, ihre Schwägerin vermeide jeden Familienbesuch – es sei denn, es ist ihre Familie, versteht sich. „Ach, wenn wir uns nicht sehen, brauche ich ja auch kein Geschenk für die Kinder kaufen, oder?“

Nicht wahr, denkt Ihr? Glaubt mir, jedes Wort. Und interessanterweise ist es den Männern häufig ziemlich egal. „Will keinen Streit. Nicht so schlimm. Ach, lass doch“, nuscheln sie dann gern, während wir rotglühend und wutschnaubend in das Lenkrad beißen.

Also, liebe Frauen. Was tun? Hinnehmen?
Nein.
Ich denke, es ist Zeit, einige neue Regeln aufzustellen. Denn die Wahrheit ist: Jede von uns ist eine Schwägerin. Und wer will schon freiwillig böse sein? Wo das doch so hässlich macht. Eben.

Ich schlage also vor:

  1. Seid nett zu einander. Es ist schon schwer genug, mit der eigenen Familie auszukommen. Macht es der anderen in der für sie fremden Familie nicht noch schwerer.
  2. Hört auf, Euch zu vergleichen. Menschen sind verschieden. Punkt. Einkommen, Lebensumstände, Sexleben und Kinder erst recht. Klar? Klar.
  3. Hört auf zu dissen. Ungebetene Ratschläge und fiese Spitzen sind genau das, was sie sind: ungebeten und fies. Schweigen ist Gold, steht in Eurem Poesie-Album. Zu recht. Und die andere herunterzuputzen vor anderen oder – noch schlimmer – ohne, dass sie dabei ist und sich verteidigen kann, ist echt billig.
  4. Lasst auch mal die andere strahlen. Meine Güte, müssen wir wirklich jedes Mal die Tollste und die Beste sein? Ist das Siegertreppchen so klein, dass da kein Platz mehr neben uns ist? Doch. Ist er. Die anderen können auch tolle Sachen. Und das auch zu sagen, hat noch nie geschadet.
  5. Deine Schwägerin versteht sich besser mit Deiner Mutter als Du selbst? So what? Freu Dich darüber. Nutze es für Deine Zwecke. Deine Mutter bleibt Deine Mutter. Immer.
  6. Wenn Du sauer bist, rede. Mit ihr. Von Angesicht zu Angesicht. Ruhig, sachlich, ohne anzuklagen. Geht nicht? Klar geht das. Kostet Überwindung? Jupp, allerdings. Und Mut auch übrigens. Und wenn sie dann nicht sprechen will, hast Du es wenigstens versucht und kannst Dir nichts vorwerfen.

Schwer? Bestimmt. Lohnt sich aber. Arbeiten wir alle daran. Gemeinsam. Wir brauchen keine neuen Bösewichte. Die Welt hat wahrlich genug davon.

Schwägerinnen sind Schätze. Kostbar. Unersetzlich. Und genauso verletzlich und empfindsam wie wir. Wer sich scheiße verhält, hat meist einen Grund dafür. Der oftmals nicht in uns liegten muss.

Unsere Schwägerinnen sind Frauen wie wir. Und keine bösen Märchen.

Wenn wir sie lassen.

17.11.2018

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