Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

„Die Sehnsucht nach einer Atempause“

Do-it-Yourself ist in aller Mund. Wer Dinge selbst machen kann, ist ein Held in seiner Hood. Doch warum eigentlich? Warum wollen wir in einer Welt, die sich immer schneller dreht, immer kleiner und auch immer digitaler wird, so langsame Dinge tun wie nähen oder stricken? Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann über eine Bewegung, der wir alle schon lange verfallen sind.

Herr Wippermann, häkeln, stricken, backen, tischlern – selbst Dinge herzustellen ist seit Jahren Trend und wird unter dem Begriff „Do it yourself“ (DIY) zusammengefasst. Woraus hat sich dieser Trend entwickelt?

Peter Wippermann: Die Do-it-yourself-Bewegung gab es schon lange vor dem heutigen Boom. Und ursprünglich hatte sie eine völlig andere Bedeutung. Bis in die 1970er Jahre hinein stellte man Dinge selbst her, um Geld zu sparen. Sie entstand aus einer Not heraus. Die heutige Konsumgesellschaft, in der alles im Überfluss vorhanden und die von schnelllebigen Technologien gekennzeichnet ist, hat seit der Jahrtausendwende etwas völlig Neues daraus gemacht und unter anderem den Baumarkt- und Gartengestaltungshype und die Renaissance der Handarbeit ausgelöst.

„Wer etwas schafft, ist cool.“

Wovon ist dieses Neue gekennzeichnet?

Wir unterscheiden zwei Strömungen: Da ist zum einen die Do-it-yourself-Bewegung, die szenemäßig aufgeladen ist. Wer etwas schafft, ist cool. Er tut das nicht, um Geld zu sparen, sondern um selbst mit den eigenen Händen etwas Besonderes zu leisten, auf das er stolz sein kann und das nicht jeder hat. Zum andern hat sich aus der DIY- und Heimwerker-Kultur die sogenannte Maker-Bewegung entwickelt, die aktuell in den USA stark auf dem Vormarsch ist. Die Maker-Bewegung verbindet moderne Technologien wie den 3-D-Druck oder die Robotik mit der Idee des Selbstmachens. Sinn und Zweck: Die Vielzahl von Möglichkeiten, die wir heute haben, um ein Problem technisch zu lösen, auszulosten.

Was machen die Deutschen besonders gern selbst?

Wir haben eine interessante Hinwendung zur Natur haben. Wir Deutschen lieben es, etwas wachsen zu lassen. Das findet sich auch wieder in der neu erwachten Begeisterung der jungen Generation oder der Familien für Schreber- und Balkongärten.

„DIY schafft ein Gegengewicht zu unserer Arbeitswelt.“

Was ist mit dem guten alten Basteln?

Der Begriff „Basteln“ ist eng mit den 1970er und 1980er Jahren verknüpft. Wie beispielsweise Modellbau oder Modeleisenbahn. Das ist gerade eher nicht so angesagt, wie man an der Insolvenz des Spielzeugherstellers Märklin 2009 beobachten konnte.

Wie passt diese Insolvenz mit dem Boom des Miniaturwunderlands in Hamburg zusammen?

Das Miniaturwunderland ist professionalisiert und unterhaltend. Das ist etwas ganz anderes.

Was steckt hinter der DIY-Bewegung?

Sie entspringt aus der Situation der Arbeitswelt. In unserer Art zu arbeiten erhalten wir wenig Bestätigung. Wir haben keine Befriedigung, etwas geschaffen zu haben. Unsere Arbeitswelt ist nicht sehr physisch und total beschleunigt. DIY schafft ein Gegengewicht, einen Ausgleich, der uns wieder in Balance bringt. Es ist ein Raus aus der Technologie und ein Rein in die physische Robustheit, die man anfassen kann. Man könnte auch sagen, DIY ist die Verkörperung der Sehnsucht nach einer Atempause. Es ist etwas, das uns zwingt, wieder langsam zu sein, gegen Widerstände anzugehen, meditativ zu sein. Sehen Sie, es ist so viel Convenience (dt.: Bequemlichkeit) um uns herum. Am allermeisten bei Food. Unser Essen ist entweder schon fix und fertig oder es wird gebracht. Die DIY-Bewegung durchbricht das. Man lädt nicht mehr zum Essen ein sondern zum gemeinsamen Kochen. Nicht jeden Tag. Aber vielleicht zweimal in der Woche.

„Männer interessieren sich eher für klassisches Heimwerken.“

Ist das eher ein Frauen- oder eher ein Männerding?

Es ist eine Bewegung, die von beiden Geschlechtern gleichermaßen anerkannt ist. Aber es gibt unterschiedliche Ausrichtungen. Bei Frauen ist das Selbstmachen kulturell anders anerkannt. Generell gelten sie in Handarbeiten als geschickter. Ein Mann, der näht, ist bis heute heraus aus der Gruppe, die sich selbst als männlich betrachtet. Eine Ausnahme ist häkeln. Dieses war mal ein Thema in der Snowboarder-Szene, als es eine Zeitlang schick war, sich selbst sogenannte Beanies aus dickem Baumwollgarn zu häkeln. Dieser Hype ist allerdings wieder vorbei. Männer interessieren sich eher für Mechanik oder Dinge, die man bauen und errichten kann. Klassisches Heimwerken, könnte man sagen.

Ist der DIY-Hype auch schon wieder auf dem absteigenden Ast?

Nein. Es ist sogar so, dass er kontinuierlich wächst, sich teilweise neu auflädt und neue Themenschwerpunkte findet und setzt.

Welche Altersklasse beschäftigt sich damit, etwas selbst zu machen?

DIY ist über alle Altersklassen hinweg ein Thema. Obwohl es im Moment eher die Jüngeren beschäftigt. Für die Älteren hat es nicht diese soziale Komponente, weil die Älteren es noch, wie schon erwähnt, als Mittel zum Geldsparen kennengelernt haben. Für die Jüngeren geht es bei DIY um den kulturellen Aufstieg. Man ist stolz, dass man nicht zu Ikea schielen muss, sondern sich seine Gartenmöbel selbst zimmern kann.

„Wir erleben gerade die Rationalisierung von DIY“

Wir verwandeln uns also eine Republik der Selbermacher. Obwohl unsere Arbeitswelt doch so spezialisiert und technisiert ist. Macht das unsere Effektivität nicht kaputt?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Unsere Spezialisierung und Effektivität hat die DIY-Bewegung schon längst absorbiert und auch wieder spezialisiert, technisiert und rationalisiert. In Zukunft werden künstliche Intelligenz und Robotik eine immer größere Rolle spielen. Wir Menschen werden aus dem kreativen Schaffungsprozess raus sein. Also suchen wir uns etwas, wo wir unsere Meinungen und Vorlieben durchsetzen können. In der Mode kann man das schon gut beobachten. Nicht mehr der Designer ist entscheidend, sondern eine Individualität, die besonders gut in meiner Szene ankommt. Bei dem japanischen Bekleidungseinzelhändler Uniqlo zum Beispiel kann man sich T-Shirts bestellen, deren Farbe und Aufdruck man selbst bestimmen kann. So hat man das Gefühl, selbst etwas geschaffen zu haben, auf das man stolz sein kann. Und Nike hat ein Angebot für Schuhe, deren Zeichnung, Farbe und Form individuell zusammenstellbar ist. Man nennt das Co-Creation. Und das ist nichts anderes als die Rationalisierung von DIY. Oder anders: Die Individualisierung der Masse. Alle haben das Gefühl, sie haben etwas Einzigartiges. Dabei ist es in Wahrheit die Beschleunigung der Entschleunigung.

Wer profitiert davon? Und wer nicht?

Die Baumärkte haben davon profitiert. Aber auch Bastel- und Stoffläden, die jetzt nicht mehr wie kleine verstaubte und vollgestopfte Tante-Emma-Läden daherkommen, sondern groß und weiträumig wie Supermärkte angelegt sind. „Stoff & Stil“ ist so ein Beispiel oder die Kette „Kunst & Kreativ“. Ein Gewinner ist auch das Kunsthandwerk. Es gibt wieder einen Markt für Dinge, die andere für andere gestaltet haben. Dawanda hat es e-Commerce-fähig gemacht. Der größte Spieler auf diesem Feld aber ist die US-amerikanische Firma Etsy, die immer größer wird.

Und was machen Sie so selbst?

Ich gehören auch zu denen, die Spaß daran haben, Dinge wachsen zu lassen: Ich gärtnere und ziehe selbst Pflanzen. Aber nur im Kleinen.

Zur Person:

Peter Wippermann (68) ist Gründer der Hamburger Trendforschungsagentur Trendbüro, einem Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. Nach seiner Lehre zum Schriftsetzer arbeitete Wippermann als Art Director beim Rowohlt-Verlag und beim ZEITmagazin. 1988 gründete er gemeinsam mit Jürgen Kaffer und Peter Kabel die Werbeagentur „Büro Hamburg“. Von 1993 bis 2015 lehrte er als Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen.

www.peterwippermann.com   

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von ProsiebenSat1-0378

01.09.2018

Diesen Artikel teilen

Share on facebook
Share on whatsapp
Share on twitter
Share on pinterest
Share on linkedin
Share on xing
Share on tumblr
Share on print

Auch interessant

Share on facebook
Share on whatsapp
Share on twitter
Share on pinterest
Share on xing
X