Unternehmens-Gemeinde-Dialog 2019 Gemeinde Rellingen Bürgermeister Marc Trampe Wirtschaftsförderer CTP Captain Thomas Pötzsch CTP
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Digitalisierung – nichts weniger als die Neuvermessung der Welt

Hochkarätig. Inspirierend. Zukunftsweisend.
Diese drei Worte lassen vielleicht ansatzweise erahnen, wie interessant der diesjährige Unternehmens-Gemeinde-Dialog 2019 der Gemeinde Rellingen war.

8. Unternehmens-Gemeinde-Dialog

Bürgermeister Marc Trampe (parteilos) und Rellingens Wirtschaftsförderer Harald Poppner hatten am vergangenen Dienstag die unterschiedlichsten Rellinger Unternehmerinnen und Unternehmer zum 8. Unternehmens-Gemeinde-Dialog eingeladen. Captain Thomas Pötzsch von Cargo Trans Pool (CTP) übernahm die Rolle des Gastgebers, stellte den CTP-Firmensitz an der Hauptstraße 12 zur Verfügung und sorgte mit seinem Team – unterstützt von Faber’s kleinem Gesellschaftshaus – für das leibliche Wohl der Gäste.

Digitalisierung – Quo vadis Rellingen?

Rund 70 Rellinger leisteten der Einladung gespannt und interessiert Folge. Gern und vor allem auch, weil das Thema des Abends derzeit so ziemlich jedem Geschäftsmann fürchterlich unter den Nägeln brennen dürfte. Es lautete: „Digitalisierung – Quo vadis Rellingen?“

Die Namen der angekündigten Referenten ließen Spannendes erwarten. Professor Dr. Henning Vöpel, Direktor und Geschäftsführer des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes (HWWI) sollte sprechen, ebenso wie Dr. Paul Raab von der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, Geschäftsstelle Elmshorn.

Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

Künstliche Intelligenz

Gastgeber Captain Thomas Pötzsch illustrierte mit wenigen Beispielen die Dringlichkeit der Befassung mit der Digitalisierung. Im Oktober wurde das erste von einer künstlichen Intelligenz (KI) geschaffene Gemälde für mehr als 400.000 US-Dollar verkauft, die Kirchen erproben aktuell den Einsatz des Segensroboters „BlessU-2“. „Und in der Baltic gibt es inzwischen zwei komplett autonom fahrende Schiffe“, so Thomas Pötzsch.

Massenhafte Daten

Professor Dr. Henning Vöpel lieferte in seinem Vortrag die Analyse dieser Entwicklung. „Das Wesentliche der Digitalisierung“, so der Fachmann, „ist nicht die Umwandlung von Informationen in binäre Codes wie 1 oder 0. Der Ausgangspunkt der Digitalisierung ist, massenhaft Daten zu speichern und diese massenhaft miteinander zu verknüpfen.“

Die Folgen dessen seien immens: „Es bedeutet, dass sich die Marktmacht verlagert“, so Vöpel. „Die Macht hat nicht mehr der, der etwas produziert. Die Macht hat der, der die Daten hat.“

Digitale Plattformen

Beispiel Amazon. Der Versandhandelsriese betreibe dank seiner Fülle an Daten sogenannte predictive analytics – vorhersagende Analysen. „Amazon muss nicht schätzen, was am Valentinstag bestellt wird. Amazon weiß es“, so der Experte. „Und kann so im Vorfeld den Herstellern sagen, wie viel sie von was produzieren müssen.“

Und ist damit nicht allein. Amazon ist eine sogenannte digitale Plattform. Hinter diesem Begriff verbirgt sich nichts anderes als ein digitaler Marktplatz, auf dem Anbieter von Produkten mit möglichen Kunden zusammenkommen. Genau wie bei Airbnb, Ebay, Uber oder dem App-Store.

Digitaler Tsunami

„Die Entstehung dieser Plattformen ist die größte disruptive Macht im Moment“, sagte Vöpel. Oder noch drastischer ausgedrückt: „Auf uns rollt ein digitaler Tsunami zu, auf den wir uns vorbereiten müssen.“

Früher dachte man in Zeithorizonten von zehn oder 20 Jahren. „Heute sind die nächsten zwei Jahre für die Zukunft entscheidend“, so der Experte. Die Bildungssysteme müssen agiler, die Berufsbilder verändert, ein Umgang mit Deep Fake (die Erstellung falscher, aber täuschend echt wirkender Bilder oder Videos mit Hilfe von KI) gefunden, die digitale Mündigkeit der Kinder gestärkt und eine digitale Zweiklassengesellschaft verhindert werden.

Smarte, individuelle Dienstleistungen

„Die digitalen Plattformen schieben sich zwischen Anbieter und Nachfrage“, so Vöpel. „Die Folge ist: Wir handeln keine standardisierte Ware mehr, sondern smarte, individuelle Dienstleistungen.“ Und das bedeutet: „Die Eigentümer von Infrastrukturen sind die Verlierer dieser Entwicklung. Airbnb ist der weltweit größte Anbieter für für Buchung und Vermietung von privaten Unterkünften. Hat selbst aber nicht ein Hotel oder auch nur ein Zimmer.“

Zweite große technologische Revolution

Was wir jetzt erleben, sei die zweite große technologische Revolution der Menschheitsgeschichte. „Die erste fand vor 250 Jahren statt, als die Dampfmaschine erfunden wurde“, sagte Vöpel. „Aber die zweite, die jetzt stattfindet, löst die vertikale Industrie mit ihrer klassischen Wertschöpfungskette auf und führt zu einer Vielzahl von hybriden Kollaborationen, die wie eine Art Ökosystem funktionieren.“ Und darin überlebten nur die Unternehmen, die fähig sind, Wissen zu teilen und Branchenketten aufzubrechen.

Die Neuvermessung der Welt

Und es ist erst der Anfang. „Die große Geschwindigkeit ist noch gar nicht richtig bei uns angekommen“, sagte Vöpel. „Wir merken es noch nicht, weil wir uns der Vermögensillusion hingeben. Uns geht’s doch gut.“ Aber das könne in fünf Jahren schon ganz anders sein. „Wir erleben gerade nichts weniger als eine Neuvermessung der Welt“, so der Experte. “ Man muss schnell sein. Aber das sind wir nicht. Wir sind nicht mal ansatzweise schnell genug. Weil der Leidensdruck noch nicht hoch genug ist. Andere Länder wie Estland sind viel weiter.“

Eine Chance und ein Privileg

Doch die gute Nachricht ist: Es gibt auch Chancen. „Es ist ein Privileg, diese Zeit mitzuerleben“, sagte Vöpel. „Noch nie war die Chance so groß, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.“ Wir werden die nächsten 20 Jahre noch enorm viele Veränderungen erleben. „Und wir können diese Zeit gestalten. Wir – nicht die nächste Generation.“

Sein Tipp: „Öffnen Sie Ihre Netzwerke. Lassen Sie neue Impulse von außen zu. Das größte Risiko ist nicht, das Falsche zu tun. Das größte Risiko ist, nichts zu tun.“

Käufe werden im Internet vorbereitet

Dr. Paul Raab von der Industrie- und Handelskammer bereicherte die Diskussion in seinem Vortrag um einen weiteren Aspekt. „Käufe, die im stationären Handel getätigt werden, werden heute im Internet vorbereitet.“ Früher sei es umgekehrt gewesen. Man habe sich im Fachhandel beraten lassen, aber im Netz gekauft. „Heute informiert man sich vorab im Netz und trifft dann die Entscheidung, wo man kaufen will.“

Individualismus als Geschäftsmodell

Warum ist das so? „Weil die Leute menschlichen Kontakt und Einkaufserlebnisse wollen. Und letztere müssen mehr sein als Click & Collect.“ Es zeige sich der Trend, sich von anderen abheben zu wollen. „Der Individualismus wird Geschäftsmodell. Und er wird die Produkte prägen und die Industrie an den Kunden heranrücken.“ Man wolle sich nicht nur den Schuh aussuchen. Sondern auch die Sohle und die dazu passende Farbe, so Raab.

Grenzen der Digitalisierung

Andererseits habe die Digitalisierung auch ihre Grenzen. „Was nutzt es uns, wenn wir tausende verschiedene Möglichkeiten haben, diese aber gar nicht nutzen können?“, so Raab. „Und was nützt es uns, ein papierloses Büro zu wollen, wenn wir doch gleichzeitig durch die vielen Multifunktionsgeräte mehr bedrucken als früher? Und was nützt es, wenn wir digitalisieren, aber dabei wertvolles Spezial- und Fachwissen, das andere daran hindert, in den Markt einzusteigen, verloren geht?“

Sich Zeit nehmen

Sein Rat: „Ja, wir haben einen radikalen Wandel der traditionellen Märkte. Und ja, wir befinden uns einer großen Experimentierphase und erst am Anfang des Ganzen. Aber“, so der Experte, „nehmen Sie sich trotz dieser Schnelligkeit die Zeit, genau darüber nachzudenken, was für Ihr Unternehmen das Richtige ist.“

Informationen:

Seit dem Jahr 2012 findet das Veranstaltungsformat „Unternehmens-Gemeinde-Dialog“ statt, zu dem die Gemeinde Rellingen Vortragende und ansässige Unternehmer einlädt. Inhalt der Veranstaltung ist die Erörterung aktueller wirtschaftspolitischer Themen, die die Gemeinde Rellingen gegenwärtig bewegen. Als Gastgeber fungiert jedes Jahr ein anderes Rellinger Unternehmen. Dieses Jahr fand das Event im Firmensitz des Logistikkonglomerats Cargo Trans Pool (CTP) in der Hauptstraße 12 statt. Knapp 70 geladene Gäste waren anwesend. Es sprachen CTP-Inhaber Captain Thomas Pötzsch, Professor Dr. Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut und Dr. Paul Raab von der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, Geschäftsstelle Elmshorn.

Cargo Trans Pool – oder kurz CTP nach den Initialen seines Inhabers Captain Thomas Pötzsch – wurde am 1. März 1931 im Keller von Hapag Lloyd als Seehafenspedition namens G. Hinrichs & Co. OHG gegründet. Inhaber und Namensgeber war Gustav Hinrichs. 1965 trat der Sohn des Firmengründers, Rolf Hinrichs, in das Unternehmen ein. Zehn Jahre später wurde das Speditionsgeschäft auf das Chartern von Seeschiffen ausgedehnt. 1991 verließ Captain Thomas Pötzsch die aktive Seefahrt und stieg als geschäftsführender Gesellschafter in die Firma ein. Als Rolf Hinrichs 2007 verstarb, verkauften die Erben ihre Anteile an Thomas Pötzsch, der das Unternehmen umfirmierte, umfassend umstrukturierte und in eine Holding umwandelte. 2012 zog CTP nach Rellingen um und errichtete seinen neuen Firmensitz in einer Villa aus dem Jahr 1907, die saniert und mit einem Anbau in Schiffsoptik neu gestaltet wurde. Mittlerweile ist das Logistiklonglomerat, das Niederlassungen in Duisburg, Shanghai, Peking und Tianjin unterhält, auch in das Immobiliengeschäft eingestiegen und engagiert sich kulturell und sozial. „Wir möchten unser Umfeld mitgestalten und eine Mitverantwortung dafür übernehmen“, sagt Captain Thomas Pötzsch.

www.rellingen.de

www.ctp.biz

www.hwwi.org

www.ihk-schleswig-holstein.de

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