Tina Das Tina Turner Musical stage entertainment
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Ein Besuch bei „Tina – Das Tina Turner Musical“

Gänsehaut ist etwas, das hat man ab und an. Wer es dabei belassen möchte, sollte einen Besuch von „Tina – das Tina Turner Musical“ unbedingt vermeiden. Denn dort wird man die Gänsehaut praktisch zweieinhalb Stunden nicht mehr los…

Ungezähmte Göttin

Sie beginnt an den Armen. Natürlich. Wo sonst. Ein bisschen breitet sie sich aus, wenn der Vorhang mit den dunkelbraunen Tina-Augen sich hebt. Und greift über auf die Schultern, wenn der Blick auf die auf dem Boden sitzende Gestalt im roten Lederkleid fällt. Still sitzt sie da im Scheinwerferlicht, mit dem Rücken zu uns, die unvermeidliche Perücke wie eine explodierte Diskopalme auf dem Kopf. Und mit dem leisen Intro von „Simple The Best“ übernehmen die aufgestellten Haare die Herrschaft über das Publikum. Ein Publikum, das am Ende außer sich frenetisch klatschend und jubelnd vor der Bühne tanzen wird, um der ungezähmtesten Göttin des 20. Jahrhunderts den Tribut zu zollen, den keine Frau mehr erkämpft und verdient hat als sie.

Stimmgewaltige Hauptdarstellerin

Nein, man muss kein Tina-Turner-Fan sein, um diese neue wild schäumende Inszenierung von Stage Entertainment zu besuchen. Man muss ihre Musik noch nicht mal mögen. Ihre Lebensgeschichte bietet wahrlich Stoff genug, um einen, ob man will oder nicht, in den Bann zu ziehen. Dieses Leben – und die grandios gewaltige Stimme von Hauptdarstellerin Kristina Love. Himmel, kann die singen!

Klingt sie wie die Frau, die sie verkörpert? Nicht ganz. Das muss sie auch nicht. Mal ehrlich, wer bitte kann schon so unverwechselbar singen wie die gestaltgewordene Lebensenergie Tina Turner, über die schon ihre Mutter sagte: „Das Kind singt immer viel zu laut und ist völlig verwildert.“

Kristina Love – die Rolle ihres Lebens

Aber Kristina Love ist nah dran. Mit eigenen Akzenten. Und so rau, pur, hart, gewaltig, laut und bis in die Haarspitzen gefüllt mit schwarzem Soul wie ihr Vorbild. Sie ist so gut, so perfekt, dass man Mühe hat sich zu erinnern, dass es nicht die echte Tina ist, die da oben auf der Bühne steht, die von Ike verprügelt wird und um ihr Leben singt.

Die Kindheit

Das meiste aus dem Leben Tina Turners ist bekannt. Sie selbst hat es in zwei Biografien mehr als offen gelegt. Dennoch setzt das Musical neue Akzente, lässt neue Blickwinkel zu, erzählt Ungeahntes. Vor allem die Rolle von Tinas Mutter Zelma wird neu beleuchtet. Denn wäre es nach Zelma gegangen, hätte es Tina, die als Anna Mae Bullock geboren wurde, niemals gegeben. Tochter Alline war ihr genug, das zweite Kind empfand sie als Gefängnis. Sie ließ Anna Mae im Grundschulalter bei der Großmutter zurück und ging mit Alline nach St. Louis. Anna Mae durfte erst mit 16 nachkommen. Glaubt man dem von Tina Turner selbst autorisierten Stück, war der Tod der Mutter Anfang der 1980er wie eine Befreiung. Noch auf dem Totenbett hatte diese fast garstig auf eine Versöhnung mit dem gewaltigtätigen Ike gedrängt.

Ike, das Monster

Überhaupt Ike. Großen Respekt an dieser Stelle für Darsteller Mandela Wee Wee. Die Rolle des Bösewichtes ist immer die undankbarste. Er spielt sie mehr als gelungen. Man hasst ihn von der ersten Sekunde an, in der er die Bühne betritt. Ikes größter und vielleicht auch einziger Verdienst ist, dass er Tinas Talent erkannte. Und als Kristina Love unter seiner Knute „A Fool in Love“ – wir sind im Jahr 1960 – einsingt, weil der Leadsänger nicht zur Session erschien, bläst sie das Publikum einfach von den Sitzen.

Harter Weg zum Comeback

Und als Tina sich endlich, endlich 1976 nach 16 Jahren Prügel, mehreren Krankenhausaufhalten und einer Überdosis Valium wehrt, selbst zuschlägt und sich trennt, jubelt das Publikum ihr erleichtert zu. Die Figur der Tina beantwortet die Frage, warum sie nicht schon längst gegangen ist, auf der Bühne so: „Ich habe ihm immer wieder und immer wieder geglaubt.“

Die Jahre nach der Trennung im Teil 2 des Stücks sind nicht weniger schwer als die Ehezeit. Kein Geld, kein Plattenvertrag, ständig der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Tina geht putzen, um sich und ihre beiden Söhne Craig und Ronnie durchzubringen. Soul hängt ihr zum Hals heraus. Sie braucht einen neuen Sound, ahnt, dass sie sich neu erfinden muss, wenn sie jetzt mit 40 überhaupt noch eine Chance haben will. Rock ’n‘ Roll soll es sein. Aber angesagt sind Anfang der 1980er die neuen Synthesizer Sounds.

Als ihr „Private Dancer“ angeboten wird, findet sie es grässlich. Erwin Bach, ihre neue 16 Jahre jüngere Liebe, nicht. Alles weitere ist Geschichte.

Simply The Best

Als Kristina Love wie zu Beginn des Stückes in dem roten Minikleid die Bühne betritt, um gleich vor 180.000 Menschen in Rio de Janeiro zu singen, um dafür 1988 ins Guinessbuch der Rekorde zu kommen, erklingen sie wieder – die ersten Töne von „Simply The Best“.

Und während man atemlos voller Stolz auf diese vom Leben geschundene Frau blickt, wie sie sich anschickt, den größten Erfolg ihres Daseins zu feiern und die Gänsehaut einem zum wiederholten Male schier um den Verstand bringt, explodiert die Bühne in einem Feuerwerk aus Licht, Sound, Stimme und Klang.

Und reißt einen einfach aus den Sitzen und den Boden unter den Füßen weg.

Tina.

Willkommen in Hamburg.

Bitte bleib.

Solange wie Du magst.

Tina Das Tina Turner Musical stage entertainment

TINA – DAS TINA TURNER MUSICAL
Stage Operettenhaus
Spielbudenplatz 1
Hamburg

Tickets unter 

www.stage-entertainment.de

Fotos: Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

05.03.2019

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