Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Bingo-Nachmittag in der Bauernmühle

Anneliese Müller kichert leise vor sich hin. Wie alt sie ist, weiß sie nicht mehr. „Aber 1931 gebo­ren!“, sagt sie und freut sich von Herzen, dass es ihr just eingefallen ist. Aufgeregt blickt sie hin und her. Die blassen blaugeäderten Hände flattern fragend: Geht’s gleich los?

„Ich begrüße euch recht herzlich.“ Lisbeth Linke steht in der Mitte des öffentlichen Cafés des Seniorenwohn­parks Bauernmühle, um sie herum sitzen 30 der 130 Bewohner des Pflegeheims an sechs Tischen à fünf Plätze. Jeder hat ein einzelnes Blatt mit einem Zahlenfeld vor sich liegen und einen Stift in der Hand. Lisbeth Linke erzählt noch schnell einen Witz und dann geht er endlich los: Der Bingo-Nachmit­tag in der Bauernmühle.

Lisbeth Linke vom Seniorenbesuchsdienst

14 Jahre ist es her, dass Lisbeth Linke einen ehrenamtlichen Seniorenbesuchsdienst für fünf Pinneberger Pflegeheime ins Leben gerufen hat. Mit fünf Helfern fing sie an, 38 waren es zu Spitzenzeiten, heute sind es 15, die sich nur noch in der Bauern­mühle engagieren. Die „Grünen Damen“ im Krankenhaus brachten sie auf die Idee, etwas Ähnliches für Seniorenheime zu grün­den. Dafür wurde sie 2007 mit einem Eintrag in das Bürgerbuch des Kreises Pinneberg geehrt. Sie gehörte viele Jahre der Evangelischen Kranken- und Alten-Hilfe an, die sie 2016 lautstark und erbost verließ, weil die Ehrenamt­lichen auf einmal Mitgliedsbeiträge zahlen sollten.

Die Vereinszugehörigkeit ist zwar weg, das Engagement jedoch geblieben. An jedem Werktag bietet ihr Team selbst­ständig und völlig unabhängig von den professionellen Pflegekräften sehr zur Freude von Heimleiterin Martina Hoyer ein Programm für die Bewohner der Bauernmühle an. Montags ist Bingo, dienstags Handarbeiten, mittwochs und donnerstags Gesellschaftsspiele und freitags Skat. Außerdem gibt es jeden Mittwoch einen Kaminabend mit Vorlesen und donnerstagmorgens einen Verkaufsstand mit Dingen, die die Hochbetagten so sehr lieben: Süßigkei­ten, Cremes und Lotionen aller Art, Shampoo, Duschgel, Haftcreme, Servietten – und Tempotaschentücher. Tempotaschentücher? „Die gibt es hier nicht, deswegen sind sie etwas ganz Besonderes“, erklärt Lisbeth Linke schlicht.

Weiche Schokolade und Taschentücher

Die Kugel rollt. „B7!“, liest Helferin Frauke Vorpahl vor. Eine Angehörige, die ihren Mann begleitet, wiederholt mit lauter Stimme. Emsig machen die Bewohner Kreuze auf den Zetteln, mancher allein, mancher unterstützt von dem heute siebenköpfigen Helfer-Team. „Warum wir das machen?“, fragt Helferin Edda Rettkowski zurück. „Weil wir hier alles zurückbekommen, was wir geben. Es ist sehr bereichernd. Es gibt so viele schöne Momente. Es macht einfach Spaß.“

„Bingo! Bingo!“, klingt es von einem Tisch. Christel Schier, die jedes Kreuz selbst gemacht hat, ist die erste, die eine Reihe voll hat. Dennoch wird weitergespielt. „Bis wir ungefähr 13, 14 Bingo-Gewinner haben“, erklärt Frauke Vorpahl. Wer gewonnen hat, darf in einen Korb greifen  und sich einen kleinen Gewinn nehmen. Auch Anneliese Müller gewinnt. „Bingo! Bingo!“, gluckst sie. Weil ihre Stimme so leise ist, wedelt sie mit einem weißem Tuch. „Ich mache mich schon bemerkbar!“, sagt sie und schüttelt sich vor Freude.

„Bingo! Bingo!“

Dann kommt der Korb – und ihre Augen werden groß und rund wie die eines Kindes. Die zarten, alte Hände tasten im Korb, fühlen, suchen mit Genuss, finden etwas. Anneliese Müller hält triumphierend hoch, was sie gefunden hat – eine blaue Packung Taschentücher. Vielleicht hat sie nachher wieder vergessen, dass sie gewonnen hat. Aber das Blau in ihrer Hand wird ihr Freude über den Tag hinaus machen.

Weitere Informationen:
Der Seniorenwohnpark Bau­ernmühle an der Mühlen­straße ist wohl eine der be­eindruckensten Seniorenre­sidenzen in Pinneberg. Men­schen aller Pflegestufen und demenzerkranke Menschen werden hier in kleinen, über­schaubaren Wohngruppen betreut. Insgesamt gibt es fünf Wohnbereiche mit 184 Pflege- und Betreuungs­plätzen. Martina Hoyer leitet die Einrich­tung. Sie hat diese Aufgabe vor zirka einem Jahr über­nommen. Das Haus ist im Moment nicht voll belegt, weil die derzeitige Stammbesetzung an Pflegekräften dafür nicht ausreicht. Kolle­gen werden – wie überall – dringend gesucht.

http://www.seniorenwohnpark-bauernmuehle.de

01.09.2018

Fotos: Birgit Schmidt-Harder

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