Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Eine plattdeutsche Weihnachtsgeschichte

Bei meinen Eltern zu Hause gibt es einen kleinen Schatz. Aus Papier. Der wird gehütet wie ein Augapfel. Es ist ein Zettel im DIN-A-4-Format. Ganz vergilbt ist er schon. Und auch ein bisschen an den Rändern zerfleddert. Mein Vater hat ihn mal geschenkt bekommen. Von Kollegen, glaube ich, damals, als er noch gearbeitet hat. Auch die haben ihn mal geschenkt bekommen, kopiert und weitergegeben. Irgendwann hat sich mal jemand die Mühe gemacht und ihn neu abgetippt. Mit der Schreibmaschine und wieder kopiert.

364 Tage im Jahr steckt der alte Zettel in einer Ledermappe im dem alten Sekretär meines Vaters. Unbeachtet liegt er dort. Und ganz vergessen.

Bis es Heiligabend wird.

Dann hat der Zettel seinen großen Auftritt. Nach dem köstlichen Weihnachtsmenü, dass meine Mutter immer zaubert, wenn wir alle satt und vollgegessen sind, und nach der Bescherung, weil die Kinder es kaum mehr abwarten konnten, sitzen wir dann immer bei einem Glas Rotwein gemütlich zusammen. Und dann kommt sie, meine unvermeidliche Frage jedes Jahr: „Papa, willst Du gar nicht die Tannenbaum-Geschichte vorlesen?“

„Soll ich wirklich?“

Mein Vater lacht dann laut sein altes Lehrerlachen. Das Lesen fällt ihm, der Zeit seines Lebens ein Buch nach dem anderen verschlungen hat, nicht mehr leicht. Das Augenlicht wird schwach. Doch das lässt er sich nicht entgehen. Mit Lupe und Licht wird’s schon gehen. Und außerdem kann er den Zettel sowieso fast auswendig.

Also steht er auf, geht zum alten Eichensekretär, der knarrt, wenn man die schweren Schubläden mühsam aufzieht, und kramt nach seiner alten Mappe. Es dauert ein bisschen, bis er sie gefunden hat. Dann klappt sie sie auf und zieht den alten gelben Zettel wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Hut aus einem Schutzumschlag. „Soll ich wirklich?“, fragt er dann und grient.

Oh ja, soll er. Er ist nämlich der einzige, der es kann.

Und dann fängt er an zu lesen. In der Sprache seiner Kindheit. Die für mich nach Watt, Wiesen, Wind und endlose Weite klingt. Und die nur noch er und mein Onkel Helmut in meiner Seite der Familie beherrschen.

Auf Platt.

Doch lassen Sie mich eines noch vorab sagen: Diese Geschichte auf dem Zettel ist nicht von mir oder meiner Familie. Sie wurde mal bei einem Radiosender eingesandt, sagte man mir. Von einer gewissen Else Koslowsky. Niemand weiß mehr, wann und ob Else Koslowsky überhaupt Urheberin dieser Geschichte ist. Leider kann ich Frau Koslowsky nicht finden. Nur eine Todesanzeige zu diesem Namen. Sonst hätte ich sie vorher gefragt. Liebe Frau Koslowsky, sollten Sie von diesem Artikel hören – bitte seien Sie nicht böse. Ich mache es wieder gut, denn es ist Ihre Geschichte. Aber Sie haben meiner Familie und mir über so viele Jahre so viel Freude damit gemacht, dass ich nicht anderes kann, als sie zu veröffentlichen. Für mich ist es die schönste Weihnachtsgeschichte, die es gibt. Und dafür danke ich Ihnen von Herzen.

Also, suchen Sie sich einen in Ihrer Familie, der noch Plattdeutsch kann. Geben Sie ihm Else Koswolsky Geschichte. Und hören Sie einfach  nur zu…

„Hett dien Modder all’n Dannboom?“

Zugesendet von Else Koslowsky

Ick mach een Daanboom bannig gern lieden, aber ji könnt mi dootscheeten, ick kööp keen mehr. Ick heff noch de Näs vull vun’t letzte Johr. Dat weur leeger as veertein Dog noenanner Grönkohl!

Un dorbi fung dat so schön an. In fief Minuten harr ick een Boom funn, de mi gefüll.

Ick wär noch gor ni ganz in de Husdör, dor gung das all los: „Och, der ischa man viel zu lütt! Der hat ja gar nich mal ‘ne Krone! Den bring man wedder hin, Hannes!“

Ick, friedlich as ick bün, wedder hin no’n Dannboomstand.
Fief Groschen heff ick tobetohld un harr een Boom, dor kunnst Goliath to seggn’n!

Mein Gott noch mol, hebbt se mi to Hus in Empfang nohm’n: “Wo willst Du denn mit das Riesending hin?”

„Wie künnt Ji to mien schönen christlichen Dannboom eenfach ‚Riesending‘ segg’n?“, wull ick noch inwend’n, aber een Blick vun mien Swiegermutter sä: „Los! Umtuschen!“

„Verehrte Frau Tannengrün“, sä ick an de Eck to de Fru mit de rode Näs. „Ick komm nu all to’n drütten Mol. Helpen se mie, dat ick endlich een Boom krieg, de mien Familie gefallt. Hier hebbt Se dres Groschen extra!“

No twee Stünn harr ick Hänn as’n Sottje un mien Mantel kunnst nie anfooten ohn‘ Gefohr to loopen, fasttobacken. Ober nu harr ick’n stootschen Boom, nich to grot, nich to lütt, nich to dünn und nichto dick. Nu schall mi noch eener segg’n, ick kunn keen Dannboom köppen.

Kritisch steiht de ganze Familie in de Köök un mustert den schönen Dannboom. M i e n Wiehnachtsboom!

Jeden Ogenblick fallt se di begeistert um’n Hals, drück die dankbor de Hänn, kloppt die vor Freud op de Schullern und strikelt die de Backen – dach ick!

Dor keem dat drüppenwies as iskold Woter:

„Büschen gröter harr he jo sien kunnt!“

„Hinten oben hat er aber große Löcher!“

„Vorne unten könnte er auch dichter sein!“

„Wenn man bloß die Zweige halten tun, die hängen jetzt schon so’n büschen schief.“

„Wenn man jetzt unten was wegnimmt und oben was dransetzt und denn die rechte Seite zur Heizung rumdreht und die anderen Stellen mit Lametta, Watte und Engelshaar dicht macht, sieht er vielleicht gar nicht mal so schlecht aus“, meen Tante Anna nodenklich.

Ick stünn ümmer noch boben op’n Kökenstohl und harr denn Boom bi de Spitz tofooten un müß em rümdreih’n, dormit jeder sien Semp dorto geben kunn. De Dannboom harr keen Lust mehr, länger Mannequin to speel’n un – ick weet nie wie dat keem – bums! – leeg he op de schönen Kacheln un sien gröne Nodeln jumpten dörch de Gegend.

„Huch nee!,“ schree Swiegermodder, „der hat ja noch nich man ein Fuß, wo wir unsern doch letztes Jahr bei die verdrehte Umzieherei verloren haben!“

De ganze Familie keek erst entgeistert op mien schönen Boom un denn keeken se mi an mit Oogen, as wull’n se segg’n: „Büs noch ni wedder weg?“

Ick nehm denn Boom an de Spitz oder bi de Woddel – ick weet dat hüt ni mehr genau – bün rut ut de Köök, denn de Trepp dool joogt, as wär’n dree Swiegermodder achter mi ran. As ick glücklich op de Stroot wär, harr mien Boom keen Nodels mehr. He seeh ut, as’n Schirm ohne Öbertoog. Ick heff denn Rest bi’n Nover öber de Plank smeeten un bünn wedder no de Eck to mien Fründin mit de rode Näs loopen.

„Na, will de Herr noch’n Dannboom?“ – „Gewiß Modder“, sä ick, „dat Dannboomköpen mokt mie toveel Spoß! Geben Se mie man denselben, denn ich toerst hatt heff, aber moken Sie mie een Foot ünner!“
„Dat mokt mien Mann beeter“, meen de lütt Fru und bölk över de Stroot: „Schorsch, kumm mol röber un giff denn Herrn hier mol een mit’n Foot!“

Ick heff Schorsch glieks dree Groschen in de swatten Flossen drückt, dormit he dat mit’n Foot nich wörtlich nimmt un bünn mit mien ersten Boom aftrocken, denn glieken Boom, mit denn se mi schon mol rutschmeeten harrn! Mi wär nu all’ns puttegool! Un wat hebbt se secht?

„Mein Hannes, ist das ein schöner Baum! Son schönen haben wir noch nie gehabt! Freust Du Dich nun nich selber, mein Hannes? War das nun nicht der Mühe wert?“

Ick seet mehr dood as lebendig in de Eck un keem erst to mi, as Swiegermodder sä: „Ja, Hannes, warum nich gleich so?“
Ick harr son basche Antwort, de ninch ganz to wiehnachten paßt, all op de Tung, kunn mi aber noch trüchhol’n.

Kann mi dat nu noch een Minsch verdenken, dat ick op 99 bün, wenn mi eener froogt, ob mien Modder all’n Dannboom hett?

Ick mach’n Dannboom bannig gern lieden und will em to Weihnachten nie missen.

Ick will em ok gern betohl’n, aber sülb’n köpen? – nee !

Nee, leeber veertein Doog Grönkohl!!!

14.12.2018

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