Kolumne die Pinnebergerin Jugendsprache
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Ey Digger, was geht?

Wissen Sie, welcher mein schönster Tag in der Woche ist? Der Sonntag? Nee, der Donnerstag. Nicht, weil er der kleine Freitag ist, wie die Kollegen vom Radio immer sagen. Der Donnerstag ist mein schönster Tag, weil ich dann etwas für die Generationenverständigung tue.

Sie wissen schon: Wir, die um die 50-Jährigen sind die Generation X, die Millennials sind die Generation Y und alles, was grob gesagt nach 2000 auf die Welt kroch, ist Generation Z.

Und am Donnerstagnachmittag habe ich – volle Lotte Generation X – immer eine Verabredung mit Generation Z. Denn dann fahre ich Kind 1 und seine Kumpels zum Sport in den Nachbarort. Ich vorne – würde am liebsten Bonjovi hören und laut mitsingen (was ich natürlich nicht tue, weil es den sozialen Status von K1 in seiner Klasse praktisch auf Null setzen würde) – der Rest des Autos voll mit 13-, 14-jährigen Kids, die nur aus Armen und Beinen bestehen und die ganze Zeit am Handy daddeln.

Wenn sie sich cool genug gefühlt haben, entspannen sie sich, legen die Handys weg und fangen an, sich zu unterhalten.

Und genau das ist der Moment, auf den ich gewartet habe. Ich spitze die Ohren, erinnere mich kurz daran, wie es war, 13 Jahre alt zu sein, lehne mich zurück. Und genieße die Show.

„Ey Digger, voll lost?“

„Ja, Mann, hat dich voll geprankt!“

„Bra!“

„Nee, nicht spoilern, Alter, Digger, frag selber.“

„Ehrenmann, ey!“

„Gehst Du Kino Wochenende?“

„Nee, Mann, muss Familie. Läuft bei der. Voll fresh, ey.“

„Yolo!“

„Hab Kevin getroffen.“

„Ja was?“

„Der Bot joggt rum.“

„Default.“

„Headshot.“

„Yeah.“

„Mhm.“

„Boah, Alter, der nervt voll.“

„Ja.“

„Nee.“

„Shit Men.“

„Frust?“

„Lad den mal auf ’ne Party ein.“

„Nee, Alter, ich bann’ den dann.“

„Pilzkopf.“

„Scheiß Bambusleitung.“

„Push doch.“

„Nee, Mann. Voll lame.“

„Der ist voll der Random.“

„Ok, Party am Samstag?“

„Klar, Digger.“

„Wie ist dein Loot?“

„Gut.“

„LuL!“

„GG!“

Am meisten freue ich mich immer über „Bra“. Das klingt wie ein Schaf, bedeutet aber „Brother“. Bei „Loot“ (Beute, Ausrüstung) steige ich geistig in der Regel aus, „LuL“ war mir neu (ist wie LoL „laugh out loud“, meint aber „laugh uncomfortably loud“) und „GG“, gestehe ich, musste ich später googeln. Es heißt „Good Game“. Und ist eine Begrüßungsformel in der Gamer- (Computerspieler-) Sprache.

Nun kann man sich darüber aufregen, wie die Kids heute sprechen. Ich persönlich tue das manchmal auch, weil ich finde, dass Artikel und Personalpronomen durchaus ihre Berechtigung in der deutschen Sprache haben. Ein Satz wie „Fahrt Ihr USA?“ hat die gleiche Wirkung auch mich, als würde jemand mit einer Schere über eine Tafel kratzen.

Nun kann man sich auch darüber aufregen, dass die Kids zu viel am Computer spielen. Meine Eltern haben sich früher übrigens wahnsinnig darüber aufgeregt, dass ich ständig mit dem Festnetz telefoniert habe. Und deren Eltern haben sich wahnsinnig darüber aufgeregt, dass ihre Kinder sich anders angezogen, andere Musik gehört und die Antibabypille benutzt haben.

Gegen zu viel Computer spielen hilft übrigens eine Zeitbegrenzung oder den Stecker zu ziehen. Das weiß ich, weil es auch bei zu viel telefonieren geholfen hat.

Doch hilft das auch bei Sprachverrohung? Verlieren wir unsere Jugend, weil sie anders redet als wir? Weil sie nicht mehr so formuliert? Weil die Welt der Computer sie dumm macht? Himmel, was ist, wenn wir sie nicht mehr verstehen? Was ist mit ihren Gehirnen? Können sie überhaupt noch so denken wie früher?

Hm.

Mich hat das Internet nicht dümmer gemacht, finde ich. Im Gegenteil, wenn es ausfällt – so wie gestern übrigens – habe ich das Gefühl, ich müsse ein bisschen sterben. Ist das schlecht? Wenn man auf einem Bauernhof lebt und sein Essen selbst anbaut, vermutlich schon.

Wenn man in dieser hoch technisierten Welt lebt, dagegen nicht. Und wenn es nie wieder gehen würde, werde ich mich bestimmt recht zügig auch wieder an eine Welt ohne Netz gewöhnen.

Sind unser Kinder dümmer heute? Ich denke nicht. Ich denke, das Bildungssystem passt sich an die Bedürfnisse da draußen nicht schnell genug an. Weil wir einen Apparat geschaffen haben, der wie ein Tyrannosaurus Rex schwerfällig im Meteoritenhagel sterben wird.

Und die Jugend redet anders als wir?

Ja, verdammt. Tut sie.

Immer übrigens schon.

Als ich das erste Mal „geil“ gesagt habe, ist meine Mutter fast in Ohnmacht gefallen.

Neulich hat sie es selbst gesagt.

Da bin ich fast in Ohnmacht gefallen.

Und wer sich um die Artikel und Pronomen sorgt, der sollte mal unter vier Augen mit den Kids von heute sprechen.

Denn wenn man das tut, wissen sie alle ganz genau, dass es „in das Kino gehen“ heißt.

Meistens jedenfalls.

LoL XD.

15.05.2019

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