Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Im besten Alter

Henning Blatt hat keine Zeit. Um alt zu sein schon mal gar nicht. Morgen will er zum Walking, gleich geht‘s zum St.-Pauli-Spiel und später noch ins Theater.

Henning Blatt ist 75 Jahre alt. Doch wer ihn sieht, kann das kaum glauben.

Ruhestand als Start in eine neues aktives Leben

Der so agile Ruheständler, der mit seiner Frau Karin in Pinneberg lebt, zeigt, dass an Udo Jürgens Ohrwurm etwas Wahres dran ist. Noch vor  50 Jahren lag die Lebenserwartung im Durchschnitt bei knapp über 70. Ging man in Rente, war nach absehbarer Zeit der Spaß auch schon vorbei. Heute werden die Menschen in Deutschland dagegen statistisch betrachtet 81,09 Jahre alt – Frauen 83,4, Männer 78,4. Was dafür sorgt, dass mit 66 Jahren eben noch lange nicht  Schluss ist.

Lebensabend ist das nicht. Ganz im Gegenteil.

22,2 Millionen sind 60 Jahre oder älter

Der Ruhestand ist für viele Menschen der Start in ein neues aktives Leben. Auch für Henning Blatt. Interessen und Hobbys hatte er immer schon. Doch genug Zeit wegen der Arbeit nie. Heute macht er sonntags Sport. Seine Frau und er haben gemeinsam mit vier weiteren Ehepaaren aus der Nachbarschaft und  dem Freundeskreis eine Walking-Gruppe gegründet. Seit Jahren schon holen sie sich immer um 10 Uhr gegenseitig ab und gehen stramm mindestens fünf Kilometer durch den Klövensteen.

Und sie sind damit nicht allein. Ende 2014 lebten laut Stastistischem Bundesamt in Deutschland 22,2 Millionen Menschen, die 60 Jahre oder älter waren. Ein Fünftel (21 Prozent) war 65plus, elf Prozent der Gesamtbevölkerung hatten den 75. Geburtstag schon gefeiert, darunter auch 17 000 Hundertjährige. 2060, so rechnen die Statistiker vor, wird 65plus bereits auf jeden Dritten zutreffen.

Gesundheitlich geht es den meisten richtig gut

Ihr Leben? Manchmal so, wie wir es von unseren Großeltern noch kennen. Meistens jedoch eher so wie bei den Blatts. In der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen herrscht sogar Beschäftigungsboom: Fast jeder Siebte ist noch erwerbstätig. Gesundheitlich geht es den meisten richtig gut, knapp die Hälfte treibt  wie Henning Blatt regelmäßig Sport. Nur jeder Vierte fühlt sich krank und angeschlagen.

Angst vor der digitalen Welt hat keiner mehr. Mehr als 60 Prozent der „Silver Surfer“, wie sie im Fachjargon heißen, haben einen Rechner zu Hause stehen und tummeln sich im Internet. Jeder Dritte der über 65-Jährigen hat laut Digitalverband Bitkom ein Handy, dass den Namen Smartphone auch verdient.

Es gibt drei Alter

Es ist die verlängerte Lebenserwartung, die dafür sorgt, dass alt nicht gleich alt ist. Die Soziologie hat die Zeit nach 60plus in verschiedene Lebensphasen mit unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben eingeteilt, schreibt die Neuropsychologin Professor Dr. Katja Werheid in ihrem sehr lesenswerten Ratgeber „Nicht mehr wie immer“ (Piper).

Danach gibt es nicht nur ein Alter – sondern drei!

Das erste sogenannte junge Alter zwischen 60 und 75 ist vom Ende der Erwerbstätigkeit und der damit verbundenen neuen Freiheit geprägt. Mit circa 75 Jahren tritt das „zweite Alter“ ein, in dem erste Einschränkungen (Mehrfacherkrankungen, schlechteres Hören, Sehen und Schmecken) auftreten und in dem sich sowohl die „Alten“ als auch ihre Kinder erstmals ernsthaft und manchmal schmerzhaft mit dem Älterwerden auseinandersetzen müssen. Erst dann folgt – manchmal nach vielen Jahren, manchmal schnell – das „dritte Alter“, auch Hochaltrigkeit genannt, in dem die Menschen auf Hilfe angewiesen sind, an schweren Gebrechen oder Demenz leiden.

Altersgrenzen überprüfen

Diese Differenzierung ist wichtig. Und sie ist noch lange nicht bei allen Menschen angekommen. Erst langsam macht sich die Erkenntnis breit, dass zwischen einem 65-Jährigen und einem 95-Jährigen genauso große Unterschiede liegen wie zwischen dem Grundschulalter und der Jugend. Ein Grund, warum die Bundesregierung in ihrem sechsten Altenbericht schon 2010 vorschlug, alle Altersgrenzen und den Ausbau der ehrenamtlichen Strukturen zu überprüfen.

Denn machen wir uns nichts vor: Die Generation Gold ist Trumpf und bestimmt zunehmend das Leben in unserem Land. Sie stellt gut ein Drittel (34 Prozent) der Wahlberechtigten und nimmt ihre Staatsbürgerpflicht sehr ernst: Ihre Wahlbeteiligung liegt bei fast 8o Prozent. Im Gegensatz zu den unter 30-Jährigen, die nur halb so viele sind und dann auch nur noch halb so oft zur Wahlurne gehen.

Die Alten und die Jungen denken ähnlich

Aber ist das wirklich so schlecht? Deutschland, die Rentnerrepublik? Plündern die Älteren die Jüngeren tatsächlich aus, wie der ehemalige Altbundespräsident Roman Herzog  († 2017) befürchtete?

Nein, tun sie nicht, sagen Studien. Was wichtig und notwendig ist, sehen die Alten und die Jungen ähnlich, ergab eine Untersuchung der Forschungsgruppe Wahlen. Auch die Alten haben Kinder, um deren Zukunft sie besorgt sind. Die Bertelsmann- Stiftung kam sogar in ihrer Studie „Generation Wahl-O-Mat“ (2015) zu dem Ergebnis, dass nicht die angeblich so kurzzeitig denkenden Alten die politischen Egoisten seien, sondern eher die Gruppe der jungen Eltern.

Ein Drittel der Senioren ist ehrenamtlich tätig

Und egoistisch sind die Alten wirklich nicht. Sondern der Klebstoff , der das soziale Leben hier zusammenhält: Ein Drittel aller Senioren ist ehrenamtlich tätig.

Henning Blatt und seine Mitwalker übrigens auch. Er hängt das ungern an die große Glocke. Doch unter uns: Er ist seit 15 Jahren als Kindergarten-Opa im Städtischen Kindergarten aktiv. Dort liest er einmal in der Woche vor, puzzelt oder begleitet die Gruppen auf Ausfl ügen. Wenn er nicht gerade als „Grüner Herr“ im Klinikum Schwerkranke besucht.

Nein, die Alten sind nicht das Problem. Sondern manchmal sogar die Lösung.

24.07.2018

Foto: Birgit Schmidt-Harder

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