Kolumne die Pinnebergerin Birgit Schmidt-harder
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Kein Anschluss mehr an dieses Leben

Wisst Ihr noch – damals, als Oma den ersten Fernseher mit Fernbedienung bekam und nicht mehr wusste, wie sie laut und leiser stellen sollte? Wie das Tastentelefon die Wählscheibe ersetzte? Und wie das elektronische Telefonbuch alle um den Verstand brachte, weil Opa statt Tante Uschi immer Onkel Fritz anrief? Und als dann beim ersten Handy alles aus war?

Das waren noch Zeiten.

Haben wir doch alle gern gemacht – Großeltern, Tanten und Onkel geholfen. Und dabei innerlich leise mit dem Kopf geschüttelt und gönnerhaft gedacht: „Ach ja. Die Alten. Tststs.“

So ging’s mir auch immer.

Bis gestern.

Da wollte ich das Spielkonsole-Guthaben meines Sohnes aufladen. Abgesehen davon, dass ich überzeugt davon bin, dass die Spielkonsole nur erfunden wurde, weil Gott gegen den Teufel eine Wette verloren hat, wollte ich das online tun.

Weil ich schlau bin und das kann. Ich kaufe online ein, mache Onlinebanking, habe ein Online-Magazin, ein Paypal- und ein Amazonkonto, maile, simse und poste wie verrückt. Man muss kein digital native sein. Generation Golf reicht völlig.

Nun verhält es sich aber so, dass ein Auto und eine Spielkonsole zwei sehr verschiedene Dinge sind. Die Benutzeroberfläche letzterer? Ein Gräuel. FAQs? Fehlanzeige. Intuitive Bedienung? Ey Alter, mit Kontroller, ist doch klar, Mann!

Nach 15 Minuten war ich kurz davor, die Hotline anzurufen und sämtliche Höflichkeitsregeln über Bord zu werfen.

„Mama, habe ich nun endlich das Guthaben drauf, oder was?“
„NEIN! Gottverdammte sch***ef***ck njsdfjkn grmpd***!“
„Mama!“
„Ist doch wahr!“
„Warte mal, ich mache das mal eben.“
Bitte was? „Du?“ Du bist doch erst zwölf.
„Ja, über die Konsole. Geht ganz schnell.“

Ich hatte weder geblinzelt noch den Mund geschlossen, als er wieder da war.

„So. Erledigt. Fünf Euro Guthaben drauf.“

Ich blinzelte.

„Du hast gerade von meinem Paypal-Konto fünf Euro überwiesen? Ganz allein? Nur mit der Konsole?“
„Ja. Wieso? Guck doch nach.“

Hab ich gemacht. Hat er gemacht. Exakt fünf Euro. Von meinem Konto. Inklusive Bestätigung per Mail.

Während ich noch darüber nachdachte, schickte mir eine Freundin eine Sprachnachricht per WhatsApp. Also, zumindest denke ich, dass es eine Sprachnachricht sein sollte. In Wahrheit war es allerdings ein Video. Man konnte nichts erkennen. Es war alles schwarz. Ihre Stimme aber war gut zu hören.
„Oh sorry, falsch gedrückt, hihihi“, schickte sie mir hinterher.
Und den kompletten Mitschnitt, wie sie ihrem Mann die Aufnahmefunktion erklärt: „Nein, Birgit kann dich nicht sehen. Auch nicht hören. Wir nehmen ja nur auf und üben noch.“
Oh Gott, bitte lass sie das Handy nachher nicht mit ins Schlafzimmer nehmen…

Eine andere Freundin wollte wissen, wie man diese Antwortfunktion bei WhatsApp bedient. „Wie geht das denn? Dieser Mist.“ Andernfalls würde sie ihre Tochter fragen. Ihre Tochter!

„Ach, macht doch nichts“, sagte meine Freundin und grinste, als ich sie vorsichtig darauf hinwies, dass sie Gefahr laufe, nun offiziell den Anschluss zu verlieren. „Meine Tochter weiß in Sachen Technik schon länger mehr als ich.“ Sie blinzelte verschwörerisch. „Wenigsten haben wir den Kids noch unsere Sexerfahrungen voraus.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Deine Tochter ist 15, Püppi.“

Das Lachen erstarb ihr im Gesicht. „Ich denke, ich werde morgen mal ein ernstes Wort mit ihr reden“, sagte sie.

Ich auch.

Mit meinem Paypal-Konto. Und der Hotline von der Spielkonsole. Vielleicht weiß ich nicht, wie man deren Höllenmaschine bedient. Aber wie man Konten sperrt, das weiß ich noch.

Vielleicht stochere ich auch mal mit dem Schraubenzieher ein bisschen in der Konsole herum. Nur mal so. Auf die alte Tour. Oups. Kaputt? Och, nö!

07.12.2018

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