Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Liebe ein Leben lang

Wenn am 14. Februar die Liebenden ihr Fest der Liebe feiern, werden Susanne (55) und Andreas „Andi“ (57) Letz nicht in Pinneberg sein. „Seit Jahren schon fahren wir immer über den 14. Februar drei Tage in den Kurzurlaub“, sagt Susanne. „Mal in den Harz, mal zum Wellness, mal an die See. Wir fahren weg, um drei Tage lang unsere Ehe zu zelebrieren.“

Eine Liebesgeschichte zum Valentinstag

32 Jahre sind die Letzis jetzt verheiratet. Und wer sie trifft, kann sich dem Glück, das die beiden ausstrahlen, kaum entziehen. Man kann sie fast spüren, diese tiefe Verbundenheit, die sie teilen. Wenn sie sich anlächeln oder voller Stolz auf die gemeinsamem Kinder Antonia und Niklas blicken.

„Liebe muss nur echt sein.“

„Wie lange seid Ihr doch gleich verheiratet?“, fragt man automatisch irritiert bei so viel Verliebtheit wie am ersten Tag und kann die mehr als drei Jahrzehnte kaum glauben. Susanne lacht dann laut. „Willst Du unser Ehegeheimnis wissen?“ Selbstverständlich. Unbedingt. Her damit, ich zieh’s auf Flaschen und werd’ Millionär. Und während man sie erwartungsvoll anschaut, beginnt Susanne zu lächeln und sagt: „Liebe muss nicht perfekt sein. Sie muss nur echt sein.“

Die erste Begegnung

Es war an einem Sommertag im Jahr 1967, als Susanne Andi das erste Mal trifft. Vier Jahre ist sie gerade alt. Sie trägt ein kurzes Kleidchen und soll auf der Hochzeit ihrer Oma Nutu, die noch einmal spätes Liebesglück mit Horst gefunden hat, Blumen streuen.

Frech wie Pippi Langstrumpf

Oma Nutus beste Freundin von gegenüber aus dem Ossenpadd 5 ist auch da. Margot war für damalige Verhältnisse spät Mutter geworden und bringt ihre beiden Jungs mit. Andis Bruder, so alt wie Susanne, ist lieb und brav. „Doch Andi mit seinen rotblonden Strubbelhaaren und den Sommersprossen war so frech wie Pippi Langstrumpf“, sagt Susanne.

„Den oder keinen!“

Der sechs Jahre alte Bengel stört, wo er nur kann, sitzt nicht still, tobt unter den Tischen entlang und zieht Susanne an den Locken. Die wiederum – zu Hause streng und mit vielen Regeln erzogen – kann ihre Augen nicht von dem Wildfang lassen. Noch am selben Abend verkündet die Vierjährige ihrer Oma Nutu: „Den heiratete ich mal! Oder keinen!”

Nur einen Blick erhaschen

Fortan verbringt sie viel Zeit bei Oma im Ossenpadd und besucht die Jungs im Haus gegenüber so oft es geht. Als sie 13 Jahre alt wird, ziehen die Großeltern aus und Susanne mit ihren Eltern in den Ossenpadd ein. Und kann nun ihren Schwarm den ganzen Tag lang anschmachten. „Ich kam oft zu spät zur Schule, weil ich nur einen Blick auf Andi erhaschen wollte“, sagt sie.

Der erste Kuss

Der wiederum würdigt sie kaum eines Blickes. „Er fand still, blond und dünn gut”, sagt Susanne. „Ich war ihm zu laut und zu mollig.“ Heute kann sie darüber lachen, damals nicht. „Ich liebte ihn einfach. Ich konnte nicht anders und wollte immer in seiner Nähe sein.” Wenigstens ihren ersten Kuss kann sie von ihm ergattern. „Auf der Silberhochzeit seiner Eltern haben wir herumgealbert. Da hat er mich geküsst.“

Nur eine Freundin

Und danach nicht mehr. Für ihn ist sie nur eine Freundin der Familie. Er geht zum Bundesgrenzschutz (BGS), sie zur Tanzschule und zum DLRG.

Susanne versucht, Andi zu vergessen. Er hat eine Freundin, sie bald einen Freund, geht oft tanzen und konzentriert sich auf die Schule. Und Andi, zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr von Susannes Aufmerksamkeit verwöhnt, kommt ins Nachdenken. Dass sie, die doch immer nur ihn wollte, nun einen anderen hat, passt ihm nicht.

Meint er es ernst?

Als er 1979 mit 18 seinen Führerschein macht, holt er sie zu einer Spritztour ab. Susanne ist geschmeichelt, doch trauen tut sie der Sache nicht. Meint er es ernst? Oder nicht? Ihre Mutter gibt ihr einen mentalen Tritt. “Das ist der Mann, den du die ganze Zeit haben wolltest. Jetzt steht er vor der Tür, dann greif‘ auch zu.”

Endlich zusammen

Am 7. August 1980 holt Andi die gerade mal 17 Jahre alte Susanne vom Bahnhof ab. Mit Rosen in der Hand. „Deine Eltern und Deine Geschwister sind leider auf dem Campingplatz“, sagt er und grinst. „Der einzige, der da ist, bin ich. Ich bringe Dich morgen hin.“

„Die Nacht darauf gehört zu den Schönsten meines Lebens”, sagt Susanne. „Wir haben stundenlang geredet und nur geküsst. Seit dem sind wir zusammen.”

Verlobung

Als ihre Eltern 1982 nach Australien auswandern, bleibt Susanne zurück. „Wegen Andi.“ Sie verloben sich und ziehen in eine kleine Wohnung in Pinneberg. Er fährt jeden Morgen nach Schwarzenbek zum BGS, sie macht am Brahmsgymnasium ihr Abitur und beginnt eine Lehre als Groß- und Außenhandelskauffrau. 1986 heiraten sie. Und versprechen sich „in guten wie in schlechten Zeiten.“

Eigene Kinder

Letztere lassen nicht lange auf sich warten. Andis Vater stirbt, und Susanne erleidet insgesamt drei Fehlgeburten. Doch 1989 wird ihr Kinderwunsch erfüllt. Antonia kommt auf die Welt, und nur anderthalb Jahr später wird 1991 Niklas geboren. Die junge Familie findet ein gemütliches, aber renovierungsbedürftiges Häuschen in Elmshorn und beginnt, ihr Nest zu bauen.

Alltag

Ab 1995 schlägt das Leben die härtere Gangart von Working Mum und Dad an. Susanne kloppt bei einem großen Getränkehersteller Stunden in Teilzeit, versorgt Kinder, Haus, Hund und Mann, der 1988 zur Hamburger Polizei gewechselt ist.

Familie, Beruf, Haus, Geld

Der Alltag ist genau getaktet, alles muss klappen, jede Kleinigkeit bringt das fragile Zeitgerüst aus dem Gleichgewicht. Kinder und Schule wollen wie in allen anderen Familien auch mit Job, Schichtdienst, Haushalt, Renovierung und wenig Geld vereinbart werden. Eine Herausforderung, die jeden an seine Grenzen bringt.

Kurve gekriegt

Susanne und Andi streiten und versöhnen sich. Beides viel und mit Leidenschaft. Andi flirtet mal fremd, merkt, was er da im Begriff ist zu tut, und gemeinsam kriegen sie noch mal die Kurve.

Der Zusammenbruch

Bis 2010. Das Jahr, in dem alles zusammenbricht. Es ist Andis und Susannes schwärzestes Jahr. Die Kinder sind 21 und 19 Jahre alt. Susanne ist 47, Andi steht kurz vor der 50. Sie hat Karriere in ihrer Firma gemacht, viele Fortbildungen und Verkaufstrainings absolviert, nochmal SAP gelernt und hat keine Zeit für irgendwas. Er dagegen ist nur noch genervt. Von den Pflichten, dem Tempo seiner Frau, ihrem Drang nach vorne und seinem Leben überhaupt. Nichts bringt ihm mehr Spaß. Alles scheint langweilig und leer. Soll das schon alles gewesen sein?

Die Trennung

Im Juli eröffnet Andi seiner Frau, dass er sich von ihr trennen möchte und zieht aus. Susanne geht zum Arzt. Der bescheinigt ihr ein Burn-out-Syndrom. Sie macht eine Therapie, erforscht sich selbst und beschließt, viele Dinge zu ändern.

Immer noch Freunde

Die Kinder, schon ausgezogen, hassen die neue Situation, lernen aber, damit umzugehen. „Vielleicht waren wir nicht immer ein funktionierendes Liebespaar“, sagt Susanne. „Aber wir waren immer gut funktionierende Eltern. Und was vielleicht noch viel wichtiger ist: gute Freunde.“

Wie konnte das passieren?

Regelmäßig sitzen sie nun am ehemals gemeinsamen Küchentisch zusammen und sprechen über Leben, Liebe, Zukunft und die Kinder. Fragen sich, wo sie hin ist, ihre Liebe von damals, die Leidenschaft und die vielen Gefühle. Und wie das alles überhaupt passieren konnte.

Die Erkenntnis

Susanne geht wie immer mit Kopf und Herz an die Sache heran. „Schmetterlinge im Bauch konnte er mit mir nach all den Jahren nicht mehr haben. Aber diese tiefe Bindung, die bleibt.“ Und während sie sich so ansehen und sprechen, stellen sie fest: „Wir können bestimmt nicht immer gut miteinander. Aber ohne einander geht gar nicht.“

Silberhochzeit

Andi zieht wieder ein. 2011 feiern sie mit der Familie und allen ihren Freunden ihre Silberhochzeit. Frisch versöhnt, aber immer noch verhalten und verletzt. Es wird ein Fest mit viel Galgenhumor, von dem Susanne sich heute fragt, warum sie es überhaupt gefeiert haben. „Es fühlte sich noch nicht richtig an“, sagt sie. „Aber für die Kinder und unsere Freunde war es schön und ein gutes Zeichen.“

Die Heilung

Die Zeit danach nutzen sie für sich. Sie reden. Und reden. Und reden. Susanne, großer Udo-Lindenberg-Fan, hört immer wieder eines ihrer Lieblingslieder. Jenes mit Inga Humpe. Und bei dem er am Ende singt: „Ein Herz kann man doch reparieren.“

Veränderungen

Susanne glaubt daran. Und Andi auch. Gemeinsam nehmen sie sich die Zeit, nach innen und auf sich selbst zu blicken. Nehmen sich einfach wieder Zeit für Familie, Freunde und für sich selbst. Susanne lässt sich von ihrer Firma auszahlen und geht. Sie genießt die Muße, bis sie ihr langweilig wird. Und beginnt mit Anfang 50 eine Umschulung zur Frisörin im Salon einer Freundin.

Andi dagegen wird mit 52 Jahren richtig erwachsen. Er stärkt die Bindung zu Frau und Kindern, erkennt, warum Verlässlichkeit und Vertrauen die Basis aller Beziehungen sind.

Ein Herz, das kann man reparieren.

30 Jahre verheiratet

2016 feiert Familie Letz ihren 30. Hochzeitstag. Anders als alle Hochzeitstage jemals zuvor. Harmonisch, versöhnt und zutiefst glücklich. Andi hält eine Rede, wie er sie noch nie gehalten hat und schließt mit den Worten, die heute Susannes und Andis Credo sind: “Liebe muss nicht perfekt sein. Sie muss nur echt sein.”

Heute

“Heute bin ich da, wo ich immer sein wollte”, sagt Susanne und lächelt. War es leicht? “Nicht immer.” Was es schwer? “Oft genug.” Hat es sich gelohnt? “Jede Sekunde.”

Gerade hat sie in dem Salon, in dem sie arbeitet, schon wieder gehört, dass sich ein Paar trennen will. Sie hört das so oft. Wieder und wieder.

“Ich verstehe das nicht”, sagt Susanne. “Ich verstehe nicht, wieso sich derzeit so viele Paare auseinanderleben und einfach schnell aufgeben.”

Kämpfen für die Liebe

Was kann man denn dagegen tun?

“Sich bewusst machen, was wir uns am Altar vor so vielen Jahren versprochen haben”, sagt sie. “In guten wie in schlechten Zeiten.”

Und wenn das nicht hilft?

Mit Humor und Musik

“Dann hilft Humor. Viel Humor. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viel wir zusammen einfach weggelacht haben. Und Ehrlichkeit hilft. Und viel Reden. Und gemeinsame Hobbys. Zusammen kochen und gemeinsam am Tisch essen. Und sich Freiraum lassen.”

Und Musik. Wie die von Udo Lindenberg und und Barry White. Achten Sie mal drauf, wenn Sie auf einer Veranstaltung sind, die von Susannes und Andis Sohn Niklas organisiert werden. Song zwei und oder drei ist immer: „You Are The First, My Last, My Everything“ von Barry White.

Es ist das Lebenslied seiner Eltern.

My Everything

“Wir waren für einander die Ersten. Und mit ein bisschen Glück werden wir füreinander vielleicht auch die Letzten sein”, sagt Susanne.

Was für ein schöner Gedanke.

 

Fotos: Susanne und Andi Letz

08.02.2019

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