Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

„Mit den Sorgen allein gelassen“

Der Diesel-Abgasskandal hat Verbraucher und Autohersteller schwer erschüttert. Hans-Jürgen Feldhusen vom ADAC Schleswig-Holstein erklärt, welchen Diesel man sich überhaupt noch kaufen kann, warum Autobahnen immer nur im Sommer erneuert werden und wie die Zukunft des ADAC aussehen könnte.

Herr Feldhusen, fahren Sie Diesel?
Hans-Jürgen Feldhusen: Nein, noch nie! Ich habe früher ein bisschen Motorsport betrieben und bin Rallye gefahren. Da kann man mit Diesel nichts werden (lacht). 

Wie beurteilen Sie die aktuelle Diesel-Diskussion?
Der Fahrzeughalter ist mit den manipulierten Fahrzeugen betrogen worden und wird nun mit seinem Schaden und seinen Sorgen alleingelassen. Eigentlich wäre ein Handeln von den Herstellern dringend geboten. Und zwar eines, das über das Software-Update hinausgeht. Eine ADAC-Studie von Februar dieses Jahres hat ergeben, dass eine Hardware-Umrüstung eines Euro-5-Diesels deutlich mehr Stickstoffoxid (NOx)-Reduzierungen ermöglicht. Das geht mit Hilfe einer Art Katalysator, einem zusätzlich Filter auf Harnstoff -Basis, der die NOx-Emissionen um mindestens 50 Prozent senken kann. Unser Ziel ist es jetzt, die Zulassung dieses Katalysators zu erwirken. Dafür brauchen wir Angaben der Automobilhersteller und des Kraftfahrbundesamtes. An beiden Stellen hapert es noch.

RDE steht für real driving emission

Und wer verkauft dann diesen Kat? Der ADAC?
Nein. Der ADAC versteht sich als Verbraucherschützer. Wer Dinge verkauft, kann nicht Verbraucherschützer sein.

Soll man sich noch einen Diesel kaufen?
Grundsätzlich ist heute auf der sicheren Seite, wer einen Diesel erwirbt, der nach Euro-6-RDE-Norm getestet ist. RDE steht für real driving emission – das Fahrzeug muss die Einhaltung der strengen Norm also auf der Straße und nicht im Labor nachgewiesen haben. Aber selbst wer so ein Auto heute kaufen möchte, kann nur aus einem Dutzend Modellen weniger Hersteller wählen, die sich alle eher im hochpreisigen Segment ansiedeln.

Und wenn ich mir erst 2017 einen neuen Diesel gekauft habe?
Dann haben Sie einen herben Wertverlust erlitten. Wer noch nicht geprüft hat, ob er Anspruch auf Schadenersatz haben könnte, sollte das jetzt tun. Uns drängt sich der Verdacht auf, dass von Hersteller- Seite auf Zeit gespielt wird. Ende des Jahres greifen die ersten Verjährungsfristen. Wir beobachten Gerichtsprozesse in diesem Zusammenhang. Und stellen fest: Viele Klagen werden im Vergleich entschieden. Das heißt, es gibt noch kein richtungsweisendes Urteil.

‚Wir haben großen Nachholbedarf“

Zweites großes Autothema im Sommer: Baustellen. Werden Autobahnen immer nur zur Ferienzeit erneuert?
Naja, der Sommer ist nun mal die beste Zeit, um Straßenbau zu betreiben. Wir haben in Schleswig-Holstein infrastrukturellen Nachholbedarf en masse. Weil die Mittel dafür zügig bereitgestellt wurden und der Investitionshaushalt deutlich nach oben gegangen ist, haben die Kommunen viele Aufträge vergeben. Wir könnten noch mehr bauen. Das Geld ist da. Aber es fehlt an Ingenieuren und ausführenden Firmen. Die Auftragsbücher sind voll. Der ADAC hat zum Beispiel die A7 unter besonderer Beobachtung. Und muss anerkennen: Die ausführende Firma Via Solution betreibt eine ausgezeichnetes Baustellenkoordination. Das hat der ADAC immer gefordert. Daran fehlt es oft. Vor allem in den kleineren Gemeinden.

Wie beurteilen Sie den Zustand der Straßen in Schleswig-Holstein jetzt?
Von bis. Es gibt wenig gut Ausgebautes. Was neu ist, ist top. Unserer Einschätzung nach gibt es bei den Land- und Kreisstraßen den größten Bedarf.

Haben Sie einen ultimativen Stauvermeidungstrick?
Leider nein. Wir raten zu antizyklischem Fahren. Gegen den Berufsverkehr. Fahren Sie nachts, wenn Sie in den Urlaub wollen. Steigen Sie auf andere Verkehrsmittel um. Lassen Sie das Auto stehen, wenn es geht. Meine Enkelkinder bringe ich zu Fuß in den Kindergarten.

Immer eine Spur links!

Es wird gerade viel auf das Bilden von Rettungsgassen hingewiesen. Wie kann es sein, dass es eine so selbstverständliche Sache so schwer umsetzen ist?
Das war damals bei der Einführung der Gurtpflicht genauso. Es fehlt an Einsicht. Die Rettungsgasse rettet Leben. Und man muss sie bilden, solange der Verkehr noch fließt. Noch mal schnell zur Erinnerung, vor allem bei dreispuriger Autobahn gilt: Immer eine Spur links, der Rest nach rechts! Man kann das nicht oft genug sagen.

2014 gab es den Skandal um Manipulationen beim Gelben Engel. Nun Diesel-Gate. Verstehen Sie, wenn die Menschen an der Integrität der Automobilhersteller zweifeln?
Ja, sehr gut. Es ist viel Vertrauen verloren gegangen. Wir haben zwei Jahre gebraucht, um aus den Fehlern zu lernen. Seit den Lübecker Beschlüssen von 2016 steht der ADAC auf drei fi nanziell unabhängigen Säulen: Erstens der Verein mit seinen mehr als 20 Millionen Mitgliedern, zweitens die ADAC SE mit allen wirtschaftlichen Feldern von Versicherungen bis zu Reiseangeboten und drittens die gemeinnützige Stiftung, die sich um die Luftrettung kümmert. Das hat schmerzhafte Einschnitte mit sich gebracht. Aber das war es wert. Wir freuen uns jetzt über wachsende Mitgliederzahlen und dass wir der zweitgrößte Automobilclub weltweit sind.

Großes Thema: Elektro-Mobilität

Eines Ihrer Ziele ist es, Mobilitätsdienstleister für alle zu werden. Was bedeutet das? Auch wir müssen den Weg der Digitalisierung beschreiten und uns fragen, wie wir in Zukunft mit unseren Mitgliedern kommunizieren wollen. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Werbeclip mit dem Ehepaar in Latex vergangenes Jahr? Das war für viele unserer älteren Mitglieder ziemlich ungewohnt. Aber der Clip ist bei YouTube durch die Decke gegangen. Aktuell beschäftigen wir uns mit der Elektro-Mobilität. Wir möchten die Menschen in der Stadt und auf dem Land so lange wie möglich mobil halten, glauben aber auch, dass das nur eine Brückentechnologie sein kann. Die Energiebilanz einer Batterie ist von der Herstellung bis zur Entsorgung nicht die Beste. Deswegen sind alternative Kraftstoff e genauso bedeutsam. Das Thema Fahrrad ist ausbaufähig, das haben wir bisher nicht so bedient, wie ich es gut gefunden hätte. Bei den Pedelecs steigen die Unfallzahlen. Das besteht großer Handlungsbedarf. Wer weiß, vielleicht wird es in Zukunft eine Pannenhilfe für Pedelecs geben?

Hans-Jürgen Feldhusen wurde 1953 in Hanerau-Hademarschen geboren. 1971 kam er nach Pinneberg, um Polizist zu werden. Nach Stationen in verschiedenen Polizeikommissariaten – unter anderem als Reviereinsatzführer an der Davidwache auf St. Pauli – war er zuletzt Stabs- und Einsatzleiter bei der Landesbereitschaftspolizei. 2013 ist er in den Ruhestand gegangen. Er ist ADAC-Mitglied seit 1970, vertreten im Vorstand des schleswig-holsteinischen ADAC-Regionalclubs seit 2009 und dort zuständig für den Bereich Technik und Verkehr. Feldhusen ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkelkinder.

http://www.adac-sh.de

04.09.2018

Foto: Birgit Schmidt-Harder

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