Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Mystik in der Kirche – 10 Symbole und ihre Bedeutung

Nur noch drei Tage, dann ist Ostern. Der Tag, an dem Jesus Christus nach katholischer und auch protestantischer Überlieferung auferstanden ist. Es ist ein zutiefst religiöser Gedanke, der viel Glauben verlangt. Die Idee der Auferstehung von den Toten fordert dem Menschen – und vor allem dem modernen – doch einiges ab.

Spannende Symbole

Doch wer sie annehmen mag, für den kann sie ein tröstlicher Gedanke sein. Dass das Leben nach dem Tod nicht vorbei ist, ist schön. Beruhigend. Und vertreibt Ängste. Und das Kreuz, das heute in den Kirchen hängt oder steht, ist das Symbol dafür. Und es ist nicht das einzige, was für die meist verbreitete Religion in der westlichen Welt steht. Tatsächlich gibt es jede Menge Symbole dafür. Nur – wir kennen sie oft gar nicht.

Pastor Harald Schmidt erklärt

Gerade eine protestantische Kirche erscheint vielen als sehr schlicht. Und eigentlich überhaupt gar nicht geheimnisvoll. Und doch steckt auch ein einfacher evangelisch-lutherische Kirchenraum voller spannender Mystik und Symbolik. Eben weil er so einfach gehalten ist, kommt dem, was in ihm steckt, ungleich mehr Bedeutung zu. Und vieles ist auf den ersten Blick nicht erkennbar.

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde
Pastor Harald Schmidt von der Lutherkirchengemeinde in Pinneberg.

 

Symbolik ist nämlich wie immer und überall erklärungsbedürftig. Nur wer weiß, was sie bedeutet, kann sie überall wiedererkennen. Pastor Harald Schmidt von der Lutherkirchengemeinde in Pinneberg erklärt uns anlässlich des Osterfestes, was welche Bedeutung hat.

1.  Der Altar

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

In vielen Religionen gehört ein Altar als Ort, an dem Menschen eine besondere Gottesnähe fühlen, dazu. Ja, und in alten Zeiten und in Religionen, in denen es wichtig war, Gott Respekt und Achtung durch ein Opfer zu bezeugen, da wurden auf einem Altar Tiere geopfert… Das ist heute natürlich nicht mehr so. Der Altar ist der Tisch, auf dem wir das finden, was wir brauchen, um Gottesnähe auszudrücken und zu feiern. Wenn wir das Abendmahl feiern, stehen hier Brot und Kelch. Auf dem Altar liegt die Bibel. Für Christinnen und Christen das wichtigste Buch. In Schriften, die zwischen zweitausend und dreitausend Jahre alt sind, werden die Grundlagen des Glaubens beschrieben. Aber Achtung: Natürlich kann man so alte Schriften nicht einfach lesen und dann eins zu eins im Jahr 2019 umsetzen, was darin steht. Es ist manchmal ganz schön schwierig zu verstehen, was überhaupt gemeint ist. Dann muss man das, was man verstanden hat, in Beziehung zu dem setzen, was wir in der Gegenwart wissen. Für viele kommt dabei heraus, dass Gottvertrauen 2019 nach Christus anders klingt als im Jahre 100, aber aktuell und lebendig bleibt. Die Blumen schmücken den Altar nicht nur, sondern erinnern uns an die Schönheit und den Wert der Schöpfung.

2. Alpha und Omega in den Kirchenfenster

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Das Alpha ist der erste Buchstabe des griechischen Alphabets, das Omega der letzte. A und Z sozusagen. Im letzten Stück der Bibel (man sprach und schrieb griechisch) werden Alpha und Omega benutzt, um Jesus Christus zu beschreiben. Er ist alles, umfasst alles, wie der erste und der letzte Buchstabe das Alphabet umfassen. Er gehört zum Anfang der Zeit und auch zum Ende der Zeit. Dass Jesus nicht da ist, das können und wollen Christinnen und Christen sich nicht vorstellen. Wenn das Licht durch unsere Kirchenfenster fällt, dann machen sie darauf nachdrücklich (und sehr schön) aufmerksam. Das machen die bunten Kirchenfenster in vielen Kirchen. Oft erzählen sie Geschichten aus der Bibel oder von Heiligen, manchmal sind sie sehr abstrakt, dann schaffen sie vor allem eine besondere Atmosphäre, die sagt: „Ja, hier ist es ein bisschen anders, hier hast du den grauen Alltag verlassen. Hier hast du Zeit für deine Gedanken, Gebete und Erleuchtungen.“

3. Die Osterkerze

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Christinnen und Christen sind scheinbar ein bisschen verrückt. Sie glauben einfach nicht, dass der Tod das letzte Wort hat. Das feiern sie an Ostern. Jesus hat in dieser Welt gelebt, gefeiert, gepredigt und geheilt. Er hat furchtbar gelitten und ist gestorben. Und dann haben seine Anhängerinnen und Anhänger erlebt, dass der Tod ihn nicht festhalten konnte. Sie sind ihm begegnet. Sie haben die Kraft des Lebens gespürt. Und sie haben Hoffnung geschöpft, dass Jesus nur der erste ist, für den der Tod nicht das Ende ist. Wie das alles gehen soll? Das weiß ich nicht genau, niemand weiß das. Aber ich weiß: Wenn dem Tod die Hoffnung begegnet, dass es weitergeht, dann leuchtet ein Licht. Das alles feiern wir zu Ostern. Und in jedem Jahr zünden wir eine neue Osterkerze an, die besonders verziert und die groß genug ist, dass sie uns ein ganzes Jahr lang leuchten kann.

4. Der rotgoldene Einband des Gesangbuches

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Rot ist in der Kirche die Symbolfarbe für Gottes unsichtbare und Menschen berührende und bewegende Kraft mitten in der Welt. Gold ist eine Farbe, die göttlichen Glanz und Glaubensfreude ausstrahlt. Wenn die Orgel (oder andere Instrumente) rauschen und Menschen (nicht nur Chöre) gemeinsam singen (auch die, die glauben, sie könnten das gar nicht), dann kann ein Gesangbuch eigentlich nur in diesen Farben gestaltet sein. Denn Musik und Gesang machen genau das: Gottes Licht und Gottes Kraft in verschiedensten Situationen des Lebens zum Ausdruck bringen. Früher waren die Gesangbücher mit einer Harfe verziert, das erinnerte an Engel und himmlische Gesänge. Auf unseren aktuellen Gesangbüchern fährt ein Schiff mit geblähtem Segel über das Meer unserer Gegenwart. Befestigt ist es an einem Kreuz, das den Mast bildet. Da finden wir Halt. Auf dem Segel ist die Lutherrose, das Wappen Martin Luthers, zu sehen. Von ihm und seinem Blick auf die Bibel und das Leben lassen wir uns besonders anregen. Und so rauscht das Schiff, ein altes Symbol für die Gemeinde, zu der viele Menschen gehören, durch die Gegenwart, lädt Menschen zur Mitreise ein und geht anderen mit der Botschaft von Liebe und Gerechtigkeit auf die Nerven. Natürlich wird beim Segeln gesungen.

5. Das Kreuz

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Jesus hat gelebt, Menschen von einem liebenden Gott erzählt. Er hat Menschen, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte, den Weg in die Gemeinschaft geebnet. Er hat wirklich etwas bewegt. Damit kamen nicht alle zurecht. Jesus fand deshalb ein grausames Ende, wurde am Kreuz von den Römern hingerichtet. Was Gewalt, Hass und Schuld anrichten können, hat Jesus am eigenen Leib erfahren. In all dem ist er er selbst geblieben: der Mensch, in dem uns Gott selbst begegnet. Gott, der leidet wie ein Mensch und trotzdem nicht mit Gewalt auf Gewalt reagiert. Gott, der im Leid dabei bleibt. Menschen, die glauben können, suchen, auch wenn sie leiden, die Nähe Gottes. Seit dem ersten Karfreitag ist das Kreuz ein Zeichen für diese Nähe Gottes. Daran kann kein Leid etwas ändern, auch keine Schuld, Gott bleibt. Daran erinnern alle Kreuze, große und kleine in der Kirche, aber auch die, die Menschen bei sich tragen.

6. Die sieben Kerzen auf dem Altar

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Nicht auf jedem Altar stehen sieben Kerzen, mal sind es zwei, mal vier, in der Lutherkirche sieben. Die Zahl 7 erinnert an die sieben Tage der Schöpfung, die am Anfang der Bibel ausdrücken, dass es einfach nicht vorstellbar ist, dass diese Welt, dass das ganze Leben, die Pflanzen, Tiere und Menschen, ein Zufallsprodukt sind. Dahinter muss einfach göttliche Schaffenskraft stecken. Der siebte Tag war übrigens als Ruhetag gedacht, zur Erholung für Leib und Seele und für Freiraum, um sich Zeit für die Begegnung mit Gott und den Menschen zu nehmen. Deshalb spenden sieben Kerzen Licht, das ausdrückt, dass es heller werden kann, wo Menschen Gott in ihrer Welt begegnen. Das Licht, mit dem wir die Kerzen entzünden, nehmen wir übrigens aus gutem Grund immer von unserer Osterkerze.

7. Das Altartuch

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Das Kirchenjahr fängt nicht mit dem Januar an, sondern beginnt am 1. Advent. Und Jahreszeiten sind bei uns auch ganz anders. Im Moment haben wir die Passionszeit (Passion = Leiden = Erinnerung an die Geschichten, die Jesus in der Zeit seines Leidens und Sterbens erlebt hat und wie er damit umgegangen ist). Zu jeder kirchlichen Jahreszeit gehört eine Farbe, zur Passionszeit die Farbe Lila, zu erkennen an den kunstvoll gewebten Tüchern am Altar und an der Kanzel. Bei uns ist das Tuch mit einem Riss gestaltet. Wo Menschen einander Leid zufügen, wo Menschen Gottes Ermutigung zur Liebe und zum Frieden ignorieren, da geht ein Riss durch die Welt. Aber wenn wir hinter diesen Riss blicken, dann leuchtet es weiß. Da ist schon etwas von der Farbe und der Hoffnung zu erahnen, die mit Ostern und Weihnachten verbunden sind. Es gibt das eine nicht ohne das andere, selbst wenn der weiße Hoffnungsstreifen manchmal sehr schmal ist.

8. Das Taufbecken

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Wer zur Kirche gehören will, lässt sich taufen. Das ist so, seit es die Kirche gibt. Dreimal wird der Täufling mit Wasser begossen oder benetzt und im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Die Taufe drückt aus, dass ein Mensch mit Jesus und seiner Botschaft verbunden sein und zur Kirche dazugehören möchte. Erwachsene, die das gern möchten, werden danach gefragt, nach einem „Ja“ werden sie getauft. Wenn Eltern ausdrücken möchten, dass ihre Kinder mit dem liebenden Gott und mit Jesus und seinen Ideen verbunden sein sollen, dann lassen sie ihr Kind taufen. Dabei versprechen sie, dass sie ihrem Kind ein Heranwachsen im Glauben möglich machen wollen. Außerdem drücken Taufpatinnen und Taufpaten aus, dass sie diese Verantwortung mit übernehmen und dem Täufling besonders verbunden sein wollen. Unser Taufbecken wird durch eine Darstellung der Taufe Jesu geschmückt. Zu sehen ist, wie Johannes der Täufer den erwachsenen Jesus tauft und eine Taube, die Gottes Gegenwart und Kraft in unserer Welt ausdrückt, deutlich macht, dass den Menschen in Jesus Gott selbst begegnet.

9. Talar, Beffchen, Stola

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Evangelische Pastorinnen und Pastoren erkennt man seit dem 19. Jahrhundert am schwarzen Talar, ein Kleidungsstück, das eng mit Universitätstraditionen verbunden ist und so die lehrende Seite des Amtes stark betont. Das ist längst nicht überall auf der Welt so. In vielen Ländern tragen auch evangelische Geistliche eine weiße Amtstracht, die an Ostern erinnern und an die Tradition der Messgewänder wieder erinnert. Denn ein Gottesdienst ist schließlich viel mehr als nur die Predigt. Manche Pastorinnen und Pastoren tragen eine Stola. Die passt sich farblich der kirchlichen Jahreszeit an und drückt aus, dass die Person, die sie trägt, ordentlich in ein geistliches Amt in der Kirche eingeführt wurde. Sie drückt als Symbol aus, dass diese Person bereit ist, das „Joch Christi“ auf sich zu nehmen, also für die Überzeugungen des Glaubens auch bereit ist, Leid auf sich zu nehmen. Das Beffchen schließlich, das kleine Stück weißer Stoff, das zum Talar getragen wird, ist inzwischen zwar Teil der Amtstracht geworden, aber nicht viel mehr als der Rest eines ursprünglichen Stückes Stoff, das den wertvollen Talar vor rauen Bärten schützen sollte. Das erklärt dann auch, warum viele Pastorinnen statt des Beffchens einen weißen Kragen tragen.

10. Die drei Stufen zum Altar

Kirchensymbolik zu Ostern Lutherkirchengemeinde

Erst einmal überwinden sie schlicht einen Höhenunterschied – der Altar steht etwas höher. Man macht sich eben doch auf einen besonderen Weg, wenn man zu diesem Tisch geht, an dem Gottesbegegnung auf besondere Weise möglich ist. Aus den Mühen der Ebene geht es wenigstens ein kleines Stückchen in Richtung Himmel. Dabei helfen drei Stufen. Sie könnten für die drei Weisen stehen, auf die Gott nach christlicher Überzeugung den Menschen begegnet: als machtvoller Vater (oder als machtvolle Mutter), Schöpfer der Welt, kraftvoll, aber auch geheimnisvoll und längst nicht immer zu verstehen. Als Gott Mensch (Jesus Christus), der in einer Sprache, die wir verstehen können und eindrücklich zeigt, was göttlicher Lebens- und Liebeswille ist und dass nichts uns von diesem Gott trennen kann. Und schließlich als Gottes Gegenwart und Kraft in unserer Welt (Heiliger Geist). Ein Höhenunterschied zwischen Gott und den Menschen ist da, aber Gott selbst hilft dabei, diesen zu überwinden.

Fotos: Birgit Schmidt-Harder

18.04.2019

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