Ü-Noten Zeugnisse Schulhalbjahr Gemeinschaftsschule
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Notenlust oder Notenfrust?

Freuen Sie sich schon auf die Zeugnisse Ihrer Kinder? Am 25. Januar ist es ja wieder soweit. Dann gibt’s die Giftblätter. Was eigentlich ein Wunder ist, wenn man sich die Bildungspolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte anschaut. Noten sind nämlich, das müssen Sie wissen, wenn Sie heute ein Kind einschulen, ganz doll böse.

So böse, dass vor allem Bildungspolitiker – meine absolute Sorte Lieblingsmensch übrigens – sie am liebsten abschaffen möchten.

Die Kinder litten ja so unter den Noten, sagen die Lehrer immer wieder und schütteln betrübt die Köpfe. Noten seien so ungerecht, bilden das Kind in seiner ganzen Besonderheit und der Bandbreite seiner – Achtung: Schlüsselwort! – Kompetenzen gar nicht ab. „Ich gebe nur noch gute Noten“, gestand deshalb gerade eine Lehrerin auf Spiegel Online, fast hörte man sie schluchzen. „Der Notendruck macht vielen Schülern Angst, er frustriert und manipuliert sie.“ Und: „Es ist eine Illusionen, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Noten gerecht und verantwortungsbewusst Leistungen widerspiegeln können.“

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Na, Püppi, willkommen in der Realität. Klar ist das eine Illusion. Das erwartet auch niemand. Eine Note ist nicht das Kind. Eine Note ist die Leistung in einem bestimmten Fach.
Und die Kinder leiden nicht unter den Noten.
Sie leiden unter dem aktuell herrschenden System.
Genauso wie die Lehrer.

Weil – und jetzt wage ich mal eine steile These – die Kultusministerien und die Bildungshoheit der Länder die Wurzel allen Übels sind.

Gott, was habt Ihr Kultusminister und Euer Gefolge uns, unseren Kindern und den Lehrern allein in Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahrzehnten angetan!

1996 habt Ihr die Rechtschreibreform losgetreten. Und dann noch dreimal so blöd nachgebessert (2004, 2006 und 2011), dass ich allein für diesen Satz zweimal den Duden bemühen musste.

Ihr habt das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft (Sie erinnern sich? Initiative „Eine Schule für alle“, 2007?), die Gemeinschaftsschule (2007) und die Regionalschule (2010/2011) eingeführt, nur um letztere 2014/2015 gleich wieder abzuschaffen.

Ihr habt die Lehrerempfehlung für die weiterführende Schule in die Wüste geschickt und 2018 wieder zurückgeholt.

Ihr habt die Noten aus der Grundschule verbannt, Berichtszeugnisse eingeführt, Kompetenzraster entwickelt, die auf jeder Grundschule (bis heute übrigens) anders sind, nur um jetzt mit der neuen Grundschulverordnung wieder Noten ab Klasse 3 „mit ergänzendem Kompetenzraster“ einzuführen. Aber natürlich nur, wenn die einzelne Grundschule sich nicht dagegen entscheidet…

Ihr habt um die Schreibschrift gestritten, die Ausgangs- und Grundschrift erlaubt, Schreiben nach Gehör (oh je, oh je) gestattet, nur um jetzt wieder auf Schreibschrift und Rechtschreibung ab Klasse 1 zu bestehen.

2007 habt Ihr das Kurssystem abgeschafft und die Profiloberstufe eingeführt, die Ihr seit September „neu justieren“ wollt.

Und G8 nicht zu vergessen. Himmel, was für ein Desaster! Eingeführt, ausgeführt, Chaos regiert.

Doch die mit Abstand blödeste Leistung war, das muss ich mal so sagen, die Einführung von Ü-Noten.

Noch nie gehört? Dann ist Ihr Kind entweder auf dem Gymnasium, noch zu klein oder schon aus der Schule heraus (herzlichen Glückwunsch übrigens).

Ü-Noten sind das viel gepriesene bildungspolitische Wunder der Vergleichbarkeit.

Und eingebrockt haben uns diesen Unfug die SPD und Ute Erdsiek-Rave.

Es klingelt da was bei Ihnen? Genau. Ute Erdsiek-Rave (heute 72 und recht vergessen) war elf Jahre lang von 1998 bis 2009 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

Die Herzensangelegenheit der ehemaligen Lehrerin aus Heide: längeres gemeinsames Lernen und Inklusion.

Yeah.

Ich empfehle Ihnen dazu ein Interview mit ihr aus der „Zeit“ von 2004. Nur, damit Sie kurz eben wissen, mit wem Sie es zu tun haben.

https://www.zeit.de/2004/50/B-Streitgespr_8ach/komplettansicht

Ute Erdsiek-Rave kam im Fahrwasser von Heide Simonis ins Kabinett, vier Jahre nach dem PISA-Schock (Sie wissen noch? Deutschland gerade mal Platz 21? Die deutschen Schüler in allen, wirklich allen Kompetenzen schlechter als der Durchschnitt?). Das Land war außer sich, die Bildungspolitik noch viel mehr, und alle wollten alles anders machen. Sofort.

Nur so ist überhaupt zu erklären, wie die schleswig-holsteinische SPD 2005 in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU die Einführung der Gemeinschaftsschule durchsetzen konnte.

Nun. Hat sie getan. Und damit auch die Einführung der Ü-Noten.

Kommen Sie mit, ich gewähre Ihnen einen kleinen Blick in die bildungspolitische Fantasie-Wunder-Wunschwelt der SPD der Jahrtausendwende.

Also:

Ü-Noten sind schon mal gar keine Noten so wie früher. Wissta Bescheid! Wir Eltern hatten dazu extra einen Elternabend an der Schule meines großen Kindes.

Ü-Noten sind was viel Besseres!

Es ist nämlich so: Weil die Gemeinschaftsschule sich ja behaupten muss gegen diese verdammten Gymnasien, die die Deutschen einfach nicht aufgeben wollen, obwohl kein Land der Erde so etwas hat und die uns bei PISA nun wirklich nicht nach vorn gebracht haben (Luft holen!), müssen die Leistungen von Gemeinschaftsschule und Gymnasium vergleichbar sein.

Un-be-dingt! Sonst hört das ja nie auf, dass alle denken, die Gymnasien seien besser.

Und um das zu erreichen, hat man Ü-Noten geschaffen.

Das bedeutet: Ab Klasse 7 bekommt der gemeine Gemeinschaftsschüler zum allerallerersten Mal in seinem Schulleben Noten (Halleluja! Macht den Schampus auf!).

Aber nicht 1 bis 6 wie früher. Nein, nein (so Gymmie, ey).

Er bekommt 1 bis 8. Und zwar Ü-1 bis Ü-8.

Diese Ü-Noten, die nach gymnasialem Niveau (Also doch Gymmie? Auf der Gemeinschaftsschule? Merkste selber, oder?) vergeben werden, werden nach einer bestimmten Skala übertragen. Der sogenannten Übertragungsskala. Daher das Ü.
Aber das haben Sie sich bestimmt schon gedacht.

Wer in einer Deutscharbeit also eine Ü-3 bekommt, hat nach Realschulstandard (die es ja nicht mehr gibt, kicher kicher), eine Realschul-2, und nach Hauptschulstandard (die es ja auch nicht mehr gibt, kicher kicher zwei) eine Hauptschul-1.

Aber der Trick ist natürlich, dass es ja gar nicht mehr Realschule oder Hauptschule (so diskriminierend, Mann) heißt. Es heißt wie die Abkürzung einer ansteckenden Krankheit: ESA (Erster allgemeinbildender Schulabschluss) und MSA (Mittlerer Schulabschluss).

Ich habe Ihnen das mal eben aus der Landesverordnung über die Erteilung von Zeugnissen, Noten und anderen ergänzenden Angaben in Zeugnissen (Zeugnisverordnung – ZVO) Vom 18. Juni 2018 rauskopiert, damit Sie das auch verstehen.

 

Noch ein Beispiel, so zur Übung: Wer eine Ü-2 hat, hat nach Gymmie-Standard eine 2. Nach Realschulstandard, Verzeihung MSA, eine 1, und nach Hauptschulstandard, ach nee ESA, eine Doppel-1. Kleiner Spaß. Natürlich nicht. Sondern auch eine 1.

Lustigerweise sind Ü-7 und Ü-8 eigentlich immer schlecht (außer bei ESA, da ist die Ü-7 eine 5). Und eine Ü-1 ist auch immer eine 1. Was ich vor allem für sehr gute Schüler maximal motivierend finde.

Toll, oder? Und jetzt sagen Sie bitte nicht, Sie hätten das nicht verstanden.

Aber hey! Ist das nicht viel besser so? Und vor allem: Für schwächere Schüler ist das mal ganz toll! Wirklich!

Da steht dann nicht „Ungenügend“. Nein, nein, sondern Ü-5 oder Ü-6.

Und da fühlst Du Dich doch gleich viel besser, nicht wahr? Wenn Du eine Ü-5 bekommst. Wo das doch auf Hauptschule, äh, ich meine ESA, immerhin eine 3 ist. Ist doch auch was. Guck, für Hauptschule hätte es gereicht.

Denn die Prognose, was das Kind wohl mal für einen Abschluss machen wird, gibt es immer gleich gratis dazu. Und die sich natürlich von Jahr zu Jahr ändern kann. So durchlässig, unser System! Und baut überhaupt keinen Druck auf.

Und das Beste ist: Falls Du umziehen musst – gar kein Problem. Die 15 anderen Bundesland machen es nur alle wieder anders.

Nun, liebe Bildungspolitiker und Kultusminister in dieser Republik, ich weiß, Ihr hört nicht zu. Und Eltern schon mal gar nicht.

Aber lasst Euch eines gesagt sein:

Für das, was Ihr die vergangenen Jahre abgeliefert habt, gebe ich Euch eine 5.

Ohne Ü. Aber in Rot.

So wie früher.

22.01.2019

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