Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Tags, wenn das Licht ausgeht

Was ist das Schlimmste, was Dir in der modernen Welt passieren kann?
Pandemie? Krieg? Naturkatastrophe?
Ja, ok. Natürlich auch.
Aber das Alleroberoberschlimmste in der modernen Alltagswelt ist, wenn die Waschmaschine kaputt geht oder – noch schlimmer – der Strom ausfällt.

„Ja“, mögen Sie jetzt sagen, „Luxus-Problem, Ihr verwöhnten, verweichlichten Gewächse des 21. Jahrhunderts! Früher! Ja früher –  da wäre das alles überhaupt kein Problem gewesen!“

Sicher. Aber in dieser Welt zieht Dir das den Boden unter den Füßen weg.
So wie mir heute.
Da fiel der Strom in meinem Teil von Pinneberg um 10.46 Uhr aus.
Einfach so. Zack weg.
Und mit ihm mein Bildschirm, die Lüftung, die Gefriertruhe, die Heizung, die Waschmaschine, der Trockner, die Spülmaschine, mein Gulasch auf dem Herd und die Dunstabzugshaube.

Es war auf einmal so still im Haus, dass ich mich richtig erschreckt habe. Sogar die Kreissäge draußen auf der Baustelle war plötzlich stumm. Und der Mann mit dem Hammer auch. Musste bestimmt nach der Säge gucken.

Ich wollte dann den Störungsdienst anrufen. Ach nee, ging ja nicht, das Festnetz hängt ja auch an der Steckdose. Genauso wie mein Handy übrigens. Akku alle.

Klar im Vorteil ist, wer eine (geladene) Powerbank hat (ich dachte, so was sei total überflüssig) – und eine entzückende Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppe. Allein schon, damit er weiß, dass seine Haushaltsgeräte und er nicht schuld am Stromausfall sind…

Pling. “Bei Euch auch der Strom weg?”
Pling. „Ja.“
Pling. „Ja.“
Pling. „Ja, alles weg.“
Pling. „Ja, bei uns auch.“
Pling. „Ja, wir auch.“
Pling. „Ja.
Pling.

Und man muss den Störungsdienst nicht selbst anrufen.

Pling. „Schon jemand die Stadtwerke angerufen?“
Pling. „Aufgegeben.“
Pling. „Warteschleife.“
Pling. „Dauerbesetzt.“
Pling. „Zur Zeit sind alle Plätze belegt.“
Pling. „Ja.“
Pling. „Wir bitten um etwas Geduld.“
Pling.

Und dann sitzt Du da, in Deinem totenstillen Haus, und fragst Dich, was passiert, wenn Deine Powerbank gleich versagen und der Strom nie wieder angehen wird…

E-Mails schreiben geht nicht, telefonieren nicht und faxen (nicht, dass ich das jemals täte) auch nicht. Ich kann noch nicht mal den Katastrophenbutton bei Facebook drücken und mitteilen, dass ich in Sicherheit bin, oder einen gehässigen Tweet absetzen, geschweige denn ein verzweifeltes und doch leicht attraktives Bild von mir auf Instagram posten.

Mein Gulasch werde ich roh essen, alles, was in der Truhe ist, auch, und meine Wäsche mit der Hand ausspülen.

Traurig dachte ich darüber nach, wie ich wohl in Zukunft mein Geld verdienen würde, während ich auf einem alten Block langsam mit der Hand in der Stille diesen Text vorschrieb.

Dann dachte ich an meine Kinder und an die Gesichter, die sie machen würden, wenn ich ihnen mitteilen müsste, dass das WLAN für immer kaputt sei…

🙄

🤔

😂😂😂

Pling. „Wieder Saft!“

Ich blinzelte.
Lächelte. Und wischte mir die warme Sonne aus dem Gesicht.

Fuhr den wieder Rechner hoch, stellte die Uhr an Herd, Mikrowelle, Kühlschrank und dem Telefon wieder ein.
Checkte den Kalender und meine heutigen Zeitfenster und stellte das Gulasch wieder an.

Eine Welt ohne Strom?
„Furchtbar“, dachte ich. „So, wie sie jetzt ist mit all den Aufgaben und Dingen, die man zu tun hat, wäre das eine Katastrophe.“

Aber was wäre, wenn sie nicht so wäre wie jetzt?

Wenn sie völlig anders wäre?

🌳🌷🌿🌊🐝🐋🌻

Interessante Bilder hatte ich da im Kopf.

Sie auch?

25.02.2019

Diesen Artikel teilen

Share on facebook
Share on whatsapp
Share on twitter
Share on pinterest
Share on linkedin
Share on xing
Share on tumblr
Share on print

Auch interessant

Share on facebook
Share on whatsapp
Share on twitter
Share on pinterest
Share on xing
X