Tannenbaum Weihnachtsbaum aufstellen vor Heiligabend die pinnebergerin
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Vor Heiligabend oder nicht? Wann stellen Sie den Weihnachtsbaum auf?

Kleiner Streit gefällig? So kurz vor Heiligabend? Nichts leichter als das. Stellen Sie sich einfach heute oder morgen mit dem Glühwein in der Hand auf einen Weihnachtsmarkt Ihrer Wahl und sagen Sie laut in die Runde:

Wann darf der Baum aufgestellt werden?

„Also, WIR haben unseren Weihnachtsbaum ja schon LÄNGST aufgestellt.“

Innerhalb von Sekunden drehen sich die ersten Köpfe um. Augenbrauen werden hochgezogen, Stirnen missbilligend gerunzelt. Auf die Widerrede ist Verlass, die da lautet:

„Also, WIR stellen den Baum ja ERST Heiligabend auf!“ Damit das mal ganz klar ist.

Und schon ist er da, der Streit zwischen den Pragmatikern und den Traditionalisten, der seit Jahren in den deutschen Weihnachtswohnzimmern tobt: Wann bitte schön darf der Baum denn nun 1. gekauft, 2. aufgestellt, 3. geschmückt, 4. erleuchtet (entscheidend!) und 5. (oberwichtig!) von den Kindern und der übrigen Verwandtschaft gesehen werden? Nicht, dass noch die schöne Überraschung (Hey, Weihnachten!) verdorben wird!

Sagen wir mal so: Es ist kompliziert.

Die Traditionalisten: So wie früher

Widmen wir uns zuerst den Traditionalisten. Wer Weihnachten so wie früher und nicht anders will, hat einen strammen Zeitplan einzuhalten. Abweichungen werden von Umwelt, (Schwieger-) Eltern und Nachbarn nicht gut geduldet.

In der Welt der Traditionalisten wird der Baum zwischen dem 1. Advent und dem Heiligabend geschlagen und gekauft. Früher ist obszön, später und man landet direkt in der Hölle. Alleroberhöchstens darf der Baum vorher draußen auf den Fuß gestellt und „ausgedünstet“ werden. Aber vor Heiligabend rein in die gute Stube? Auf keinen Fall! Klar? Klar.

Hinein kommt der Baum erst am 24.12. zur Mittagszeit. Dann wird er oft mit viel Geschimpfe (Herr des Hauses) und fallenden Nadeln (Dame des Hauses) reingeschleppt und in das Wohnzimmer auf den dafür vorgesehen Platz gebracht.

Wohnzimmer wird verschlossen

Jetzt wird das Wohnzimmer verschlossen, für die Kinder zur Sperrzone erklärt („Neinneinnein. Mamiiii, nein!“) und der Baum (bei den Traditionalisten wohl eher von ihr) geschmückt, während nebenbei schon das Weihnachtsmal vorbereitet werden muss.

Wenn die Nerven noch nicht blank liegen sollten, dann warten Sie noch wenige Minuten. Gleich ist es soweit. Spätestens jetzt, wenn die Zeit der Folter beginnt.

Das Motto des restlichen Tages nämlich lautet: Keiner betritt das Wohnzimmer bis zur Bescherung. Außer dem Weihnachtsmann und dem Christkind natürlich. Wann diese allerdings kommen dürfen, ist wiederum umstritten.

Bescherung erst am Abend

Eigentlich möchte der Traditionalist keinesfalls vor 19 Uhr (nach Kirche und Essen) Bescherung machen. Schließlich soll es so schön spannend bleiben. Wer allerdings kleinere Kinder hat, merkt schnell, dass diese Methode Nerven aus Stahl erfordert. Bei allen. Spätestens ab 14.30 Uhr wird die Warterei für die Kinder und deren Quengelei für alle anderen unerträglich. Mancher Traditionalist gibt dann ab 15.30 Uhr elendig zermürbt von dem Geheule auf und zieht aus reinem Überlebensinstinkt die Bescherung vor das Essen vor. Notwehr, könnte man sagen.

Dann wird ausgepackt, gegessen, der dringend nötige Schnaps ausgeschenkt und um 21 Uhr die völlig erschöpften und überdrehten Kinder ins Bett gebracht, damit der Rest der Sippe endlich Schnappi-Flasche Nummer zwei aufmachen und behaupten kann, zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen.

Ach ja. Weihnachten. Fest der Liebe. So schön.

Tannenbaum Weihnachtsbaum aufstellen vor Heiligabend die pinnebergerin

Der Pragmatiker: So wie Zeit ist

Wie anders lebt es sich da doch als Pragmatiker. Da die Welt sich nicht mehr wie früher dreht und die Dame des Hauses heute genauso wie der Herr des Hauses oft bis 12 Uhr mittags an Heiligabend noch arbeiten muss, entscheidet sich der Pragmatiker für ein völlig anderes Vorgehen. Nicht unbedingt, weil er will. Sondern weil er muss. Weil er anderenfalls nach dem Fest reif für die Klapse wäre.

Der Pragmatiker hat alle Tabus gebrochen und seinen Baum spätestens am 2. Advent besorgt und am 3. bereits aufgestellt. Er hat ihn in Ruhe mit den Kindern geschmückt, das Chaos, das dabei entstand, abends beseitigt und nachts alles noch mal umgehängt, weil Kind 2 alle blauen Kugeln zusammen nach unten links gehängt hat.

Baum schon im Advent aufgestellt

Die gesamte Vorweihnachtszeit über wird der Baum beleuchtet, wann immer einem danach ist, und von Kind 2 mehrfach wieder umdekoriert.

Die Kinder dürfen ihn anmachen, den Freunden zeigen und wenn der Besuch aus Berlin kommt, sitzen alle drum herum und freuen sich. Räume müssen nicht versperrt werden, was bei der heutigen Bauweise und den offenen Küchen eh unmöglich wäre.

Die Bescherung handhabt der Pragmatiker spontan nach Lust, Laune und Besuchslage, mit dem Kirchenbesuch verfährt er ebenso. Kann sein, dass morgens schon das Christkind kommt, kann aber auch sein, dass es sich vielleicht erst am Abend blicken lässt. Gegessen wird, wenn einem danach ist. Und wonach einem ist. Mal gibt’s Ente, mal Fondue, mal Würstchen mit Kartoffelsalat.

Nicht so spannend, aber entspannter

Auch der Pragmatiker liebt sein Weihnachtsfest. Aber er ist nicht mehr bereit und in der Lage dazu, seine wenige Freizeit einem starren Ablauf unterzuordnen. Außerdem weiß er, dass er in guter Gesellschaft ist. Da er seit einigen Jahre eh auch Halloween wie die Amis und Valentinstag wie die Briten feiern muss, kann er genauso gut auch deren Weihnachtstraditionen adaptieren wie’s ihm passt.

Ach ja. Nicht so spannend vielleicht. Aber sehr viel magenfreundlicher.

Was ist richtig?

Tja, und nun? Wie entscheiden wir diesen Streit zwischen Traditionalisten und Pragmatikern?

Die Antwort lautet: gar nicht.

Bitte feiern Sie Ihr Weihnachtsfest genauso wie Sie es möchten. Lassen Sie sich nicht reinreden von (Schwieger-) Müttern und Vätern, von Geschwistern, Freunden oder Nachbarn. Es ist Ihr Fest. Und niemand hat das Recht, es Ihnen madig zu machen.

Denn wenn man so will: Viele große Streitigkeiten in der Welt lassen sich herunter brechen auf den Streit zwischen denen, die es so wie früher wollen, und denen, die es anders machen.

Die Lösung liegt in der Akzeptanz

Und die Wahrheit ist: Es gibt da keinen Kompromiss. Weil jeder seines für richtig hält. Die Lösung liegt in der Akzeptanz. Nicht alles, was früher war, ist besser. Oder schlechter. Und das gilt auch für das Neue. Entscheidend sollte sein: Ich akzeptiere, wie Du feiern möchtest. Und Du akzeptierst, wie ich feiern möchte. Und beides tun wir zusammen.

Friedlich.

Frohe Weihnachten!

Weitere Informationen:

Laut einer Umfrage des Münchner Merkurs von 2013 stellen 40 Prozent der Befragten den Weihnachtsbaum kurz vor Heiligabend auf, um Stress zu vermeiden. Nur ein knappes Drittel (28 Prozent) stellt den Baum überhaupt erst – wie es die Tradition will – am 24. Dezember auf. Bei 14 Prozent der Befragten steht er schon mehrere Tage vorher. Und sogar jeder Zehnte will gar keinen Weihnachtsbaum haben.

Übrigens: Genauso umstritten wie das Aufstellen ist das Abbauen des Baumes. Die Traditionalisten lassen den Weihnachtsbaum bis zum 6. Januar, dem Tag der Heiligen Drei Könige, stehen. Das macht schon deswegen Sinn, weil die Bäume in vielen Gemeinden (so auch in Pinneberg) kurze Zeit danach von der Stadtreinigung abgeholt werden.

Und nein, liebe Mit- und Neupinneberger, der Baum gehört hier bei uns nicht in die Biotonne und wird auch nicht von der Haustür abgeholt. Man muss ihn schon zu einem der vielen Sammelplätze bringen.

In vielen katholisch geprägten Gegenden aber bliebt der Baum (und auch die Krippe) sogar bis 40 Tage nach Weihnachten stehen  – und zwar bis Mariae Lichtmess am 2. Februar. In der katholischen Tradition beendete erst Mariae Lichtmess offiziell die Weihnachtszeit. Das hat sich allerdings mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Anfang der 1960er Jahre geändert. Danach endet die Weihnachtszeit mit dem Fest der Taufe Jesu, das immer auf den ersten Sonntag nach dem 6. Januar fällt.

21.12.2018

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