Kolumne Die Pinnebergerin Birgit Schmidt-Harder Journalistin Onlinemagazin
Birgit Schmidt-Harder

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Warte mal beim Kinderarzt

Falls Sie sich mal wieder über die Welt im Allgemeinen und Ihr Leben im Besonderen beklagen möchten, empfehle ich Ihnen derzeit einen Besuch in der Praxis eines beliebigen Kinderarztes Ihrer Wahl. Am besten an einem Montagmorgen. Welcher Montag im Monat, ist völlig egal. Nur ein Montag sollte es sein.

Natürlich müssen Sie vorher in der Praxis anrufen. Alles andere schätzt eine Sprechstundenhilfe gar nicht. Wegen Terminvergabe und so. Zumindest bei unserer Kinderarztpraxis ist das so. Ab Punkt 8 Uhr ist jemand da und nimmt das Telefon ab. Vorher nicht. Und es macht vorher auch niemand die Tür auf (glauben Sie mir, ich habe das schon mehrfach versucht).

Also versucht man als gut erzogener Elternteil, Punkt 8 Uhr anzurufen. Man versucht es mehrfach. Sehr mehrfach. Ungefähr tausend Mal mehrfach. Denn ähnlich wie bei einem Gewinnspiel im Fernsehen oder im Radio ist beim Kinderarzt ab 8 Uhr besetzt. Ständig. Immer. Dauernd. Irgendeiner ist immer schneller, hartnäckiger, zäher und hatte vermutlich ein noch schlimmeres Wochenende als man selbst.

Ab 9.15 Uhr ungefähr geht’s dann wieder. Leitung frei. Jippieh!

Nur ran geht dann keiner mehr. Nicht, weil das Gewinnspiel vorbei ist oder so. Ist ja kein Gewinnspiel, ist ja eine Praxis. Meine Vermutung ist, dass zu diesem Zeitpunkt die Praxis so gerammelt voll ist, dass niemand mehr auch nur den Hauch einer Kapazität hat, das Telefon zu bedienen. Eigentlich weiß ich das sogar genau, weil ich schon öfter zu dieser Zeit im Wartezimmer wegen irgendeiner U-Untersuchung oder irgendeinem Streptokokken-Erreger saß. Die Stimmung dort ist dann immer etwas angespannt. Leicht hysterisch übermüdete Eltern, schreiende Kinder, heulende Babys und vor der Tür in der Kälte warten die Masernverdachtsfälle, die natürlich nicht reindürfen und denen ich dann immer gern am liebsten sagen würde: Tja, hättste mal geimpft, was? Dazwischen klingelt das Telefon einsam vor sich hin, unbeachtet und gerade ohne Prio A, während – zumindest in meiner Kinderarztpraxis – Ärzte und medizinisches Fachpersonal ruhig, kompetent und entschlossen die Ärmel hochkrempeln und sich anschicken, die kleinen Patienten zu behandeln. Sie haben dabei immer ein Lächeln auf den Lippen und geben jedem das Gefühl, der wichtigste Mensch im Raum zu sein.

Gegen 10.30 Uhr beginnt die Lage, sich wieder zu entspannen. Fast alle sind behandelt oder sind verteilt auf alle Behandlungszimmer, der Puls beruhigt sich und hier und da ist sogar wieder ein freier Stuhl im Wartezimmer zu erkennen. Wer jetzt anruft, kommt durch und hört die verheißungsvollen Worte: „Ja, gerade jetzt geht’s wieder. Wenn Sie sich jetzt auf den Weg machen, könnte es ganz gut aussehen.“

Tja, und weil die Hoffnung zuletzt stirbt, fährt man dann los, ziemlich müde und erschöpft von der Wahlwiederholung mit dem kranken Kind im Arm und hofft das Beste.

Naja, und wie Sie sich denken können, wird die Hoffnung natürlich nicht erfüllt. Weil mindestens ein gutes Dutzend Eltern genauso schlau ist wie man selbst. 90 Minuten Wartezeit – die muss man dann schon einplanen. Und hat als moderne Mutter von heute natürlich alles dabei, was vonnöten ist. Dazu gehören diverse Lebensmittel, Getränke, drei Kotztüten und um die drei Liter Sterilium. Wer braucht schon CIA-Labore, wenn er den Empfangstresen oder die Türklinke einer Kinderarztpraxis ablecken kann?

Und wenn man so umgeben von Mandelentzündungen, Pseudokrupp, kranken Bindehäuten (ach nee, die sind ja auch draußen), Hand-Mund-Fußkrankheiten und den gefühlt vier Milliarden Grippe- und Schnupfenviren auf dem Stuhl sitzt und sich verzweifelt bemüht, ja nichts anzufassen, merkt man, wie die Blase immer voller wird. Toilette? Bei der derzeitigen Magen-Darm-Welle? Keine Option.

Und dann wird man ganz leise innerlich und stellt fest: Die wahre Macht auf der Welt haben nicht die Menschen. Die wahre Macht haben all die Viren und Bakterien, die es so gibt. Und wenn Ihr einen guten Kinderarzt oder eine gute Kinderärztin habt, dann bedankt Euch bei ihnen und ihrem medizinischen Fachpersonal. Denn die labern nie davon, dass das Quartal schon rum ist, dass man bitte in drei Wochen wieder anrufen soll und dass es sich eigentlich nicht mehr lohnt, noch irgendjemanden diesen Monat zu behandeln.

Die machen es einfach.

Danke.

03.04.2019

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